21.01.2013 | Zwei großartige Lesungen von Jan Böttcher Autor: M.Baurmann

Zwei großartige Lesungen von Jan Böttcher



Auf Einladung des Bibliotheksteams war wieder einmal ein erfolgreicher Autor am Mariengymnasium. Am 15.Januar las Jan Böttcher abends in einer offenen Veranstaltung, am Tag später waren die Schülerinnen und Schüler der Q1-Deutsch-eA-Kurse Gäste der Lesung. Dass diese beiden Lesungen in diesem Rahmen stattfinden konnten, verdankt die Schule unter anderem dem Förderverein des Mariengymnasiums sowie dem Friedrich-Bödecker-Kreis.

Ein Mädchen ist vom Dach der Schule in den Tod gesprungen. Musiklehrer Mauss will die trauernden Jugendlichen in den Alltag zurückholen, nur die Abiturientin Clarissa kann ihm nicht folgen. So heißt es im Klappentext von Jan Böttchers Roman Das Lied vom Tun und Lassen und das beunruhigt zunächst einmal sehr („Schule, Selbstmord, einfühlsamer Lehrer … da gab's doch mal so'n Film…”), aber dass zum Glück im Buch dann doch alles ein wenig anders zugeht, als man zu ahnen meint, davon kann der Autor in seinen zwei sehr gelungenen Lesungen am Mariengymnasium überzeugen.

Jan Böttcher hat zu diesen Veranstaltungen neben seinen Büchern auch seine Gitarre mitgebracht und überrascht die Zuhörer gleich zu Beginn mit einem selbstgeschriebenen Song, dem er im Laufe der Lesungen noch einige andere folgen lässt. Der erste Eindruck vom Autoren ist also ein musikalischer: ruhige, scheinbar einfache Lieder, zu denen der Autor mit klarer sicherer Stimme seine Gedichte singt. Ab und an springt er lässig über ein paar Versfüße, die ihm die Melodie in den Weg gestellt hat, und es wird klar: Die Texte führen hier Regie und in denen geht es nie um die vermeintlich großen Themen, sondern um den Atem des Alltags und das Nesseln der Erinnerungen. Einige der vorgetragenen Stücke haben einen Bezug zum Roman. Das kann in den Lesungen allerdings zunächst nicht deutlich werden.

Nach den ersten Lesepassagen aber leuchtet ein, dass Songs und Romantext die gleiche Haltung aufgreifen. Auch im Roman geht es nicht um laute Effekte. Gerade durch die Beschreibung von vermeintlichen Nebensächlichkeiten, stillen Szenen aus dem Alltag, gelingt es Jan Böttcher, den Hauptfiguren seines Romans Kontur zu geben und dem Roman Atmosphäre zu verleihen. Dabei wird schnell klar, dass sich die Menschen in Böttchers Roman immer das fatale Bisschen falsch vestehen und je wohlmeinender sie versuchen miteinander umzugehen, desto tiefer können die Kränkungen sein, die entstehen.

Jan Böttcher liest in ruhigem Tempo und dämpft die Betonungen eher, als dass er sie akzentuiert. Die Begegnungen, die er in seinem Buch schildert, enden selten in direkten Auseinandersetzungen. Sie führen nicht in offene Konflikte, sondern hinterlassen Gefühle des Gedemütigtseins oder der Schuld. Was im Klappentext angekündigt wurde, der dramatische Rahmen des Plots, gerät passagenweise fast aus dem Sichtfeld und die Geschichte erhält dadurch menschliche Dimensionen. Möglicherweise lässt Böttcher seinen Musiklehrer Mauss auf diese Möglichkeit anspielen, denn dieser sagt im Roman schließlich: Glaubt Ihr wirklich, dass ein Musiker den Tod gesehen haben muss, um einfühlsame Songs zu schreiben?

Mauss und – Naja – Mauss-ähnliche waren offenbar an keinem der beiden Tage im Publikum und es hat nach den Lesungen auch niemand sonst seine Frage aufgegriffen. Aber auch so ergaben sich nach dem vom Autoren gestalteten Teil der Veranstaltung noch interessante Gespräche. Die Anwesenden konnten vor allen Dingen viel über das Leben und Arbeiten eines Schriftstellers erfahren und da Jan Böttcher sich natürlich gehütet hat, zu viel über seinen Roman zu verraten, kann man davon ausgehen, dass der eine oder andere Gast demnächst Das Lied vom Tun und Lassen in Gänze lesen wird (Pst: Bibliothek, unter der Signatur lit282 böt5 lie1).



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