14.03.2013 | Standing ovations "Degeneration Reloaded" jazzte die Bibliothek Autor: H.Peters

Nach der zweiten Zugabe (»Doxy« von Sonny Rollins) gab es kein Halten mehr. Die trotz vereister Straßen gut 100 Zuhörer feierten die Band »Degeneration Reloaded«. Jens Marnowsky, damals Musikreferendar am Mariengymnasium, hatte 1986 »Degeneration« als Jazz-AG gegründet. Eine Insel der Seligen im autoritären Schulleben dieser Zeit, bis sich 1992 die Band auflöste.



Nach über 20 Jahren loderte der alte Funke sofort wieder auf und sprang über. Professionell wurden die bei der Probe tags zuvor nur kurz angespielten Stücke so leidenschaftlich dargeboten, dass das überfüllte Bibliotheksfoyer kochte und das »Pumpwerk« jetzt an der Band interessiert ist.



Während die »Ehemaligen« Marc Picker, Altsaxophon, und Lars Gühlcke, Bass, als Berufsmusiker in Münster bzw. Berlin ihr Brot verdienen, leitet der Pianist Uwe Graalfs ein Architekturbüro in Leipzig. Sein Feature »Blue in Green« (Bill Evans) war ein Höhepunkt der Matinee. Pickers flexibles und mit wunderbarem Klang gesegnetes Spiel überzeugte mit dynamischem Soloaufbau, z.B. in Charlie Parkers »Au Privave«. Gühlckes gleichzeitig viriler, eleganter und rhythmischer Bass benötigte keinerlei elektronische Verstärkung. Manche halten den 41jährigen für eine Inkarnation von Örsted-Pedersen. Er würde in jeder Jazzcombo mehr als eine bella figura bieten. Das an den »tough tenors« der 50er Jahre geschulte, swingende Tenorsax des spiritus rector Marnowsky erhielt Beifall auf offener Szene.



Der Schlagzeuger Christian Lindemann und die Sängerin Tina Blendermann, die damals noch gar nicht geboren waren, integrierten sich nahtlos und setzten eigene Akzente. Die Vocals der Musikpädagogin aus Wilhelmshaven gingen nicht nur bei Cole Porters »Night and Day« unter die Haut. Von den eigenen Projekten des ambitionierten und extrem reaktionschnellen Berliner Drummers Lindemann (»This Void«) wird mit Sicherheit noch zu hören sein.



Alles super? Nein, es geht noch besser. Alles vorbei? Nein, es gibt Pläne für ein weiteres »Nachladen« von »Degeneration« im kommenden Jahr.