06.03.2014 | Vom Seefahrer zum Freund der Einwanderer in Wilhelmshaven Autor: Jonas Gebauer

Stefan Leimbrinck besuchte das Seminarfach „Die Türkei, der Orient und die EU“ von Gerd Hochheiser. Dort erzählte er über seine Tätigkeiten als Migrationshelfer, sowie im Ausländerbeirat und hatte neben vielen amüsanten Geschichten auch von negativen Erfahrungen zu berichten.


Stefan Leimbrinck ist 1945 in Berlin geboren. Als Seefahrer machte er erste Erfahrungen als „Ausländer“ in anderen Ländern. Dieses Erlebnis hat sein gesamtes Leben, sowie Schaffen geprägt und ist dafür verantwortlich, dass er sich später dazu entschloss, den Menschen zu helfen, die als Ausländer nach Deutschland kamen.


Dass sein Weg schließlich nach Wilhelmshaven führte ist schnell erzählt: Ein Freund überredete ihn bei einem Aufenthalt in Berlin zur Bundeswehr zu gehen und so verpflichtete sich Leimbrinck vier Jahre als Fallschirmjäger in Hannover. „Eine dumme Idee“, wie er heute meint, denn nachdem er sich beide Beine bei der Landung in einem Baum während eines Nachtabsprunges brach, war erstmal Schluss bei den Fallschirmjägern. Danach erfolgte die Versetzung nach Wilhelmshaven. Bei der Marine war er einige Jahre aktiv und knüpfte durch die Jusos in Wilhelmshaven erstmalig Kontakt zur Politik.


Durch vorwiegend türkische Kinder in seiner näheren Wohnumgebung bemerkte er unterdessen die Missstände seitens der Migrationspolitik. Als Jugendpfleger im Jugendzentrum knüpfte er schließlich Kontakt zu den Eltern der Kinder und bemerkte auch dabei die mangelnde Integration der Gastarbeiterfamilien. Besonders durch die Wohnsituation wurden diese regelrecht ausgebeutet und viele Kindergärten weigerten sich, die Kinder der Migranten aufzunehmen.


Über die SPD erlangte Leimbrinck den Eingang in die Politik und kandidierte als erster Abgeordneter der Sozialdemokraten für den Wilhelmshavener Stadtrat. „Ich glaube das war die erste Wahl, die die SPD in Wilhelmshaven gegen die CDU verloren hat“, scherzt der sympathische 68-Jährige. Für sein Vorhaben ein Kommunikationszentrum für Deutsche und Türken in der Rheinstraße zu eröffnen, wurde er oft kritisiert und auch als „Türkensau“ beschimpft. Viele deutsche Anwohner hatten damals die Angst, es würden „Türkenghettos“ entstehen.


Diese Umstände trieben ihn letztlich wieder aus der Partei und führten in der Folgezeit zu einem verstärkten Engagement für ausländische Mitbürger, zu denen damals wie heute nicht nur die Türken, sondern auch die Spanier, Griechen und damals Jugoslawen gehörten und gehören. Besonders lenkte er seine Aufmerksamkeit jedoch auf die türkische Bevölkerung in Wilhelmshaven.


1976 war Stefan Leimbrinck, der eigentlich den Vornamen Hans-Joachim auf der Geburtsurkunde trägt, Mitbegründer des in Wilhelmshaven und auch weit darüber hinaus bekannten Pumpwerks. Da verwechselte ihn dann jemand mit einem ihm ähnlich aussehenden Stefan und seitdem nahm er diesen Namen einfach an. „Das war eine ganz lustige Geschichte“, lacht er (und daraufhin der gesamte Kurs).


In der Folgezeit widmete sich Leimbrinck also besonders seinen türkischen Mitbürgern in Wilhelmshaven und begleitete den Aufbau des Kommunikationszentrums und des Vereins der Türken. Dort fanden unter anderem Sprachkurse statt, während im Pumpwerk am Vortag des ersten Mais ein Musikabend mit Musik der ausländischen Mitbürger gestaltet wurde. Auch die anderen in Wilhelmshaven vertretenen Nationen gründeten zu dieser Zeit jeweils einen Verein. Heute existiert nur noch der Verein der Spanier. Das liege laut Leimbrinck vor allem daran, dass viele junge Leute sich heute nicht mehr in Kulturvereinen integrieren, sondern meist ausschließlich in Sportvereinen.


Für Kinder und Jugendliche wurden damals Straßenfeste oder Sportaktivitäten ins Leben gerufen.


1984 erhielt Wilhelmshaven nach langen Anläufen einen Ausländerbeirat, auch durch ein ständiges Drängen von Leimbrinck. In den Ausländerberat wurden – wie der Name schon sagt – Ausländer von Ausländern gewählt, die ähnlich wie der Stadtrat zusammen getagt haben. „Zu Beginn waren es noch über 40 Prozent Wahlbeteiligung“, erinnert er sich, „allerdings waren es 2002 nur noch 6,59 Prozent.“ Das habe vor allem daran gelegen, dass der Ausländerbeirat keine Chance hatte, in die aktuelle Politik einzugreifen, sondern lediglich ein Gremium darstellte, dass von einigen Ratsmitgliedern besucht und nur teilwiese im Stadtrat vertreten wurde. Diese negative Entwicklung führte zur Auflösung des Ausländerbeirats, zum Leid Leimbrincks.


Doch was ist die Lehre, die Stefan Leimbrinck – ein stets engagierter und visionsgeprägter Mann – aus seinen Tätigkeiten gezogen hat? „Nicht nur schnacken, sondern auch mal machen!“ Das war und bleibt sein Motto. „Natürlich bekommst du im Laufe deines Lebens auch das ein oder andere Mal eine Klatsche“, gibt er zu. So habe er beispielsweise einige türkische Jugendliche im Jugendgefängnis in Vechta besuchen müssen. „Betrachtet man die Zahl der Straftaten, die von Ausländern begangen werden, ist die Zahl erstmal relativ hoch, setzt man die jedoch mit der Zahl der deutschen Jugendlichen gleich, die kriminell aktiv sind, geht die Zahl quasi gegen null“, wehrt er sich gegen die Vorurteile seitens der ausländischen Jugendkriminalität.


Auch wenn die Polizei in den Anfangsjahren Angst vor den ausländischen Mitbürgern hatte, Leimbrinck stand immer dazwischen, um Streit zu schlichten: „Wenn du beweist, dass du es ernst meinst und dieselbe Sprache sprichst, kannst du denen auch deine Meinung sagen!“


Beim Thema Frauenunterdrückung habe es Fortschritte gegeben. Viele türkische Frauen haben sich an Frauenhäuser gewandt und die meisten Familien seien moderner geworden. Allerdings seien die Männer früher noch auf dem „alten Stand“ der Familienordnung aus Anatolien gewesen, berichtet Leimbrinck. Daraus resultierte oftmals der schlechte Umgang mit den Frauen.


Viele Gastarbeiterfamilien kamen früher aus der Türkei nach Deutschland, um ein besseres Leben zu führen und besser bezahlte Arbeit zu finden. In Wilhelmshaven fanden viele Gastarbeiter eine Anstellung in Textilfabriken. Nachdem diese nach und nach durch die Globalisierung geschlossen wurden, lösten sich diese Arbeitsverträge auf. „Die Familien die konnten, sind wieder weggegangen“, erzählt Leimbrinck, „am liebsten in die Türkei!“


Für Stefan Leimbrinck steht eins fest: „Deutschland muss akzeptieren, dass es ein Einwanderungsland ist!“ Deshalb müsse man endlich Geld in die Hand nehmen und Einwandererfamilien von Anfang an in allen Beriechen unterstützen, anstatt sich permanent zu beschweren und mit Vorurteilen behaftet zu sein.


Besonders kritisch betrachtet der Wilhelmshavener auch die derzeitige Situation in der Türkei. Dort erregt ein Internetgesetz seit einigen Wochen großes Aufsehen, durch das die Regierung jeden Bürger in der Türkei im Netz überwachen kann. Solch eine Entwicklung sei sehr gefährlich, vor allem nachdem die Proteste am Taksim-Platz in Istanbul so vielversprechend geendet haben. Es sei nötig „den Mund aufzumachen“. Diesen Appell richtet Leimbrinck nicht nur an die Türkei, sondern gleichermaßen auch an die deutschen Jugendlichen. „Der ganze NC überall an den deutschen Universitäten macht die Schüler doch kaputt“, benennt er nur ein Beispiel und ist der Meinung, dass die Jugend von heute nur solidarisch agieren kann und eben „den Mund aufmachen“ muss, um eine Besserung zu erreichen.


So endete ein wirklich sehr interessantes Gespräch in unserem Seminarfach mit Stefan Leimbrinck, in dem wir zahlreiche Information über das Leben von „Türken“ in Deutschland und speziell in Wilhelmshaven erfahren haben. Vor allem Herr Leimbrincks Art, der anfangs noch stark für sein Vorhaben kritisiert wurde und später von vielen ärgsten Kritikern auch Lob erhielt, trug zu dieser informativen Stunde entscheidend bei.