01.04.2014 | Gerhard Henschel liest in der Bibliothek Autor: M.Baurmann


Was haben Kindheit, Jugend, Liebe, Abenteuer und Bildung gemeinsam? Nun seitdem Gerhard Henschel sich daran gesetzt hat, die ersten dreißig Jahre seines Lebens aufzuschreiben, zumindest das, dass die entstanden Romane – stolze 500-Seiter – nach diesen Begriffen benannt sind. Am Dienstag, dem 26.3. war Gerhard Henschel zu Gast in der Bibliothek des Mariengymnasiums und las aus Bildungsroman und, dem Publikum zur Freude, auch noch einmal einige lange Passagen aus Liebesroman. Da Henschels Großeltern in der Mühlenstraße in Jever wohnten, spielen einige Szenen dieses Romans im Friesischen und Jever kommt auch einmal abseits der Tresens zur Geltung.


»Ist das Kunst oder kann das weg?« fragt sich die Rezensentin auf Zeit-online, die sich selbst bescheinigt, sie habe die Lektüre einer der Henschelschen Leseziegel »bis zum […] Ende tapfer durchgehalten«. Von verdrossenen Rezensenten, die ja nach geschriebenen Zeilen und nicht nach gelesenen Seiten bezahlt werden, abgesehen, ist Tapferkeit nicht die Tugend, die Henschel seinen Lesern oder eben Zuhörern abverlangt. Im Gegenteil: Das Publikum der Autorenlesung wurde grandios unterhalten und reichlich zu lachen gab es obendrein, was Henschel aus der Perspektive von Zeitleserschaft aufwärts verdächtig macht, eben keine Kunst zu produzieren.


So senkt auch die oben erwähnte Rezensentin den Daumen, nuschelt aber immerhin was von »großartiger Dokumentationsleistung« und was Henschel aus den Siebzigern und Achtzigern ins Heute rettet, ist in der Tat beeindruckend und goutiert zumindest der ergrauenden nostalgiesüchtigen Baby-Boomer-Generation. Und den anderen? Schauen wir in die Rezension: »Natürlich ist es für künftige Generationen interessant, zu sehen, was für endlose Briefe junge Menschen damals handschriftlich verfassten, auch wenn sie nichts von Belang enthielten.« Heissa, da werden @Twitter-Kid und @Facebook-Twen ihre Smart-Phones starten, um endlich diese mysteriöse App namens Brief downzuloaden, weil die dann endlich, endlich auch belanglos kann. Aber ;-) beiseite: Interessant werden Henschels Bücher für jüngere Leser dadurch sein, dass Henschel das eigentlich Unmögliche gelingt, nach zwanzig, dreißig Jahren ein »authentisches« Zeitdokument zu verfassen. Henschel redigiert vorsichtig genug seine Briefe, Tagebuchfetzen und Erinnerungen und ist andererseits auch ausreichend schonungslos mit sich selbst, die peinlichen Irrtümer seiner Jugend zu belassen und zu ergänzen. Martin Schlosser (so nennt sich Henschel in den Romanen) durchschaut vieles aber eben nicht alles und Henschel korrigiert Schlosser nicht. Liest man die Romane gründlich, so stechen die Überlebenslügen der damaligen Zeit ins Auge, etwa eine Einschätzung über den damals bestehenden anderen deutschen Staat:


In der DDR wäre ich nicht alt geworden. Wenn man es da zu etwas bringen wollte, mußte man kuschen und den Funktionären der alleinseligmachenden Einheitspartei nach ihrem Mund reden.


Das war unter nicht angepassten Jugendlichen damals eigentlich common sense (»Rübergehen« war nun wirklich keine Option). Aber die Idee, die im Westen mild geahndete Aufsässigkeit hätte im rauhen Ostklima Bestand haben können, war durch und durch unverschämt. Trotzdem hegte man in den Achtzigern diese Illusion.


So entsteht das sehr genaue Bild vom Alltag in der späten Bonner Republik nicht alleine durch »Dokumentationsleistung«, sondern durch die Rekonstruktion der Lebens- und Denkumstände, die Henschel mit feinem Gespür zu Papier bringt. Wäre es nicht ein Glück, wenn es solche Bücher über die Fünfziger und Sechziger Jahre gäbe?


Unverzeihlich ist allerdings, dass man mit dem Kauf des »Bildungsromans« dazu verdammt ist, auch die Hälfte eines Bob-Dylan-Songbooks zu erwerben, dessen Inhalt quer über den Henschelschen Text verteilt ist. Dafür soll der Autor dann doch in der Hölle schmoren. 2:32 mindestens (ersatzweise abzuleisten durch das Hören von »All Along the Watchtower«).


Von solchen Hörproben blieb man bei der Autorenlesung verschont und es dürfte feststehen, dass Henschel auch in Zukunft wieder gerngesehener Gast in Jever sein wird. Im Moment schreibt er die Fortsetzung seiner Autobiografie und diesen Teil hat er von Künstler- in Arbeitsroman umbenannt, »wer kann denn schließlich von Kunst leben?«