04.10.2014 | MG auf der Höhe aktueller geschichtswissenschaftlicher Fragestellungen Autor: Chr.Wiegrebe

Mariengymnasium auf der Höhe aktueller geschichts­wissenschaftlicher Fragestellungen – Vortrag von Privat­dozent Dr.Wagner-Kyora zur Kriegsschuld 1914 offenbart Erstaunliches



In der weit über den letzten Platz hinaus besetzten Bibliothek des Mariengymnasiums hielt MG-Lehrer PD Dr. Wagner-Kyora anlässlich der hundertjährigen Wiederkehr des Weltkriegsausbruchs einen Vortrag zur Kriegsschuldfrage 1914. Dieser fand in breiter Öffentlichkeit statt. Es waren weit über die Schülerschaft hinaus auch viele Bürger erschienen, so auch Jevers Ehrenbürger Dr. Fritz Blume. Wagner-Kyora bildet zusammen mit Frau Dr. Belemann-Smit und Hans-Jürgen Klitsch das Bibliotheksteam des MG, das den Vortrag organisierte. Mehrfach hatte Wagner-Kyora bereits Professoren-Vertretungen an deutschen Universitäten inne. Zudem veröffentlichte er erst kürzlich wieder ein wissenschaftliches Werk zur Kriegsgeschichte Deutschlands und Europas. Der Vortrag zum Ausgangspunkt des Ersten Weltkriegs 1914-1918 behandelte die Fragen nach der Kriegsschuld und nach den Hauptverursachern des Kriegsausbruchs, beleuchtete aber gleichzeitig, wie diese Fragen im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts in der Geschichtswissenschaft beantwortet wurden und bis heute werden – sie ignorieren alle fast völlig die Forschungsergebnisse von Hermann Kantorowicz (* 1877 Posen + 1940 im Exil in Cambridge) aus den Jahren 1920 bis 1923. Der Rechtswissenschaftler hatte im Auftrag eines Reichstagsausschusses ein »Gutachten zur Kriegsschuldfrage 1914« erstellt. Trotz Druckreife im Jahr 1927 war die Veröffentlichung durch die Reichsregierung damals bewusst verhindert worden.



Erst 1967 gab eine Historikergruppe um Imanuel Geiss eine Ausgabe der sieben Thesen Kantorowicz' zur Kriegsschuldfrage unter dem besagten Titel heraus, die zufällig im Nationalarchiv Washington darauf gestoßen war. Dies erscheint Wagner-Kyora umso bedeutsamer, als er Kantorowicz' Arbeiten »Gutachten zur Kriegsschuldfrage 1914« und »Der Geist der englischen Politik und das Gespenst der Einkreisung Deutschlands« als für die heutige Wissenschaft von grundlegender Bedeutung hält. Darin seien multiperspektivische Analysen erkennbar, die zum Teil selbst aktuellen Publikationen zu diesem Thema fehlten.


Bibliothek

Wagner-Kyora legte zunächst dar, wie Kantorowicz' Arbeiten und Ergebnisse teilweise bewusst unterdrückt wurden und zwar sehr erfolgreich – hier taten sich besonders die außenpolitischen Eliten der Weimarer Republik, unter ihnen auch der damalige Außenminister Gustav Stresemann, hervor. Selbst in der aktuellen historischen Forschung und auch Bestseller-Literatur fänden diese Ergebnisse kaum bis keine Berücksichtigung, vielfach auch aus reiner Unkenntnis der Autoren. So verwende selbst der viel gefeierte Christopher Clark (»Die Schlafwandler«) die Arbeiten von Kantorowicz' nicht und kenne diese auch nicht. Gleiches gelte laut Literaturverzeichnis für Annika Mombauer (»Die Julikrise«) und Jörn Leonhard (»Die Büchse der Pandora«). Nur Gerd Krumeich führe die Arbeit »Der Geist der englischen Politik (...)« von Kantorowicz in seinem Werk auf, aber eben auch nicht das so bedeutende Gutachten Kantorowicz' von 1920-1923. Dieses halte aber jeder aktuellen wissenschaftlichen Diskussion stand und in seiner Multiperspektivität und Multikausalität lade es geradezu zu einer solchen ein, um möglichst viele kritische Fragen an die 1914 Regierenden zu stellen.



Genau zu dieser gewünschten Diskussion kam es in sehr erfreulicher Weise auch im Anschluss an den Vortrag, den Wagner-Kyora damit abschloss, dass die damals Regierenden seiner Meinung nach keine »Schlafwandler« gewesen seien, wie es Clark beschreibe, sondern vielmehr »Zocker der Macht«, die fahrlässig den Tod von Millionen Menschen in Kauf genommen hätten.



Österreich-Ungarn habe einen Verzweiflungskrieg geführt, und um im Spiel der europäischen Großmächte nicht zurückzufallen, was es anhand eines Krieges Serbien beweisen wollte, als dessen Schutzmacht sich Russland sah, das wiederum mit Frankreich und Großbritannien in einer Triple-Entente verbündet war. Deutschland habe den Krieg als Präventivkrieg aus Angst vor einem möglicherweise bald stärkeren Russland geführt, eine folgenreiche Überschätzung des damaligen militärischen Potentials.



Insbesondere Frankreich und Russland führten laut Wagner-Kyora lediglich einen Machterhaltungskrieg. Die russische Generalmobilmachung bewirkte, dass Deutschland und Österreich-Ungarn sich bedroht fühlten und der Krieg gegenüber Russland erklärt wurde, was den offiziellen Beginn des Weltkrieges darstellt.



Kantorowicz, so zeigte Wagner-Kyora auf, wiese »Schuld« als moralethische Kategorie anhand der abgestuften Begriffe »Friedensgefährdung« und »Friedensbruch« zu. Den zentralen »Friedensbruch« habe Deutschland begangen, den weniger zentralen (gegen Serbien) Österreich-Ungarn, also hätten diese beiden Länder die Hauptschuld, die anderen Großmächte hätten eine geringere
Mitschuld. Kantorowicz' Ansatz hätte schon in den Zwanziger Jahren Ausgangspunkt einer differenzierenden Diskussion sein können, spätestens heute, im Jahre 2014, sollte er sein.



(Bearbeitung: Homepage-Team)