28.11.2014 | »Ich bin Israelin, keine Deutsche« Autor: M.Baurmann

Mit »Shalom« begrüßte Antje Naujoks die Schülerinnen und Schüler des Jahrgangs Q1 am 27.November in der Aula und ließ fünf, sechs Sätze folgen, die in friesischen Ohren doch recht fremd klangen. »Das war Ivrit«, klärte Frau Naujoks auf, »die moderne Form des Hebräischen. In dieser Sprache unterhalten sich die meisten Menschen bei uns in Israel.«



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Antje Naujoks hielt einen dynamischen Vortrag.

Tatsächlich war im Rahmen des diesjährigen Ehemaligenvortrags Frau Naujoks aus Be'er Sheva in Israel nach Jever gereist und erzählte den gebannten Zuhörern, wie sie nach Israel gekommen ist und wie ihr Leben dort verläuft.



Antje Naujoks war Anfang der Achtziger Jahre Oberstufenschülerin am Mariengymnasium und engagierte sich in der Arbeitsgemeinschaft »Juden in Jever«, die der Lehrer Hartmut Peters ins Leben gerufen hatte. Zusammen mit einigen Mitstreitern erforschte Frau Naujoks die Biografien der jüdischen Familien, die in den Dreißiger Jahren in Jever lebten. Die meisten dieser Lebenswege führten in die Arbeits- und Vernichtungslager der Nationalsozialisten. Nur wenige der jüdischen Bürger Jevers überlebten die faschistische Herrschaft und diejenigen, die überlebten, emigrierten nach dem Krieg aus Deutschland, in dem sie zu Recht das Land der Mörder ihrer Familien sehen mussten.



Der Arbeitsgemeinschaft, zu der auch Antja Naujoks gehörte, gelang es, zu einigen der Überlebenden, die über die ganze Welt verstreut waren, Kontakt aufzunehmen und sie nach Jever einzuladen. Es kam zu Begegnungen, die für Antje Naujoks und ihren weiteren Lebensweg prägend waren.



Nach dem Abitur 1984 und der Aufnahme des Studiums in Berlin sah Frau Naujoks wegen des ihr immer wieder entgegentretenden Antisemitismus keine Zukunft mehr für sich in Deutschland und wanderte nach Israel aus. Dort setzte sie ihr Studium fort und nahm bald Forscher- und Beratungstätigkeiten an, in denen sie sich der historischen Auseinandersetzung mit der Shoa widmete. Sie arbeitete an der Gedenkstätte Yad Vashem und begleitete über Jahre die Umgestaltung der Ausstellung auf dem Gelände des Konzentrationslagers Bergen-Belsen.




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Frau Naujoks zeigt auf der Landkarte, wo sie ihr Studium beendet hat.

Für ihren jetzigen Beruf zog Frau Naujoks an den Rand der Negev-Wüste in die Großstadt Be'er Sheva. Hier ist sie Presse-Sprecherin des Heims Neve Hanna, das Kinder aus sozial zerrütteten Familien aufnimmt. Frau Naujoks erzählte sehr lebendig von ihrer dortigen Arbeit und berichtete ausführlich von der Partnerschaft zu einem Heim mit beduinisch-muslimischen Kindern in der nahegelegenen Stadt Rahat, mit der die Beteiligten einen Beitrag zur arabisch-jüdischen Aussöhnung leisten zu können hoffen.



Antje Naujoks erzählte auch sehr anschaulich von dem Krieg, der im Sommer zwischen Israel, der Hamas und anderen palästinensischen Gruppen aufgeflammt war. Einen Bericht dieser schlimmen Zeit findet man hier.



In ihrem Vortrag gelang es Frau Naujoks die Zuhörer auf den Spuren ihres Lebenswegs von Jever mit nach Israel zu nehmen. Anknüpfend an den Alltag, den sie als Schülerin in Friesland erlebt hatte, konnte sie so vielfältige Einblicke in das Leben in Israel gewähren. Die Schülerinnen und Schüler hörten Frau Naujoks mit großem Interesse zu.



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Was mich als älteren Zuhörer gewundert hat, war, dass in der anschließenden Diskussion, sich die Fragen kaum um die aktuelle politische Situation in Nahost drehten. Vielmehr wollten die Schülerinnen und Schüler ganz persönliche Dinge wissen. Sie interessierte, ob es schwer sei, hebräisch zu lernen, welche Regeln man in Israel bezüglich der Bekleidung einhalten müsse oder auch ob Frau Naujoks eigene Kinder habe. So zeigten die Schülerinnen und Schüler eher eine empathische Reaktion als großes politisches Interesse, was mich – ebenfalls in für mich überraschender Weise – freute. Vielleicht macht sich ja auch jemand aus dem Abiturjahrgang 2016 auf den Weg nach Israel. Der erste Schritt könnte der Besuch dieser Website sein.