28.01.2015 | »Sounds of Science« im Bürgerhaus Schortens Autor: Admin

Kongresse sind ein wesentlicher Bestandteil des Wissenschaftsbetriebs. Auf ihnen stellen Forscher ihre Ergebnisse vor, Theoretiker tauschen sich mit Praktikern aus, Kontakte zwischen Teildisziplinen werden geknüpft. Normalerweise erhält ein junger Wissenschaftler frühestens gegen Ende seines Studiums die Chance, bei einem Kongress dabei sein zu dürfen.



Das Mariengymnasium bot dieses Jahr bereits den Schülerinnen und Schülern der 11. und 12. Klassen die Gelegenheit, an einem Kongress teilzunehmen und auf ihm eigene Forschungsergebnisse – die Kernthesen ihrer Facharbeiten – vorzustellen. Mit diesen »Sounds of Science« präsentierte das Mariengymnasium den ersten wissenschaftsvorbereitenden Schülerkongress in Deutschland überhaupt, wie Initiator Dr. Markus Gärtner stolz in seiner Begrüßung hervorhob.




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Dr. Markus Gärtner organisierte den ersten wissenschaftsvorbereitenden Kongress »Sounds of Science«.



Nach den einleitenden Worten von Herrn Dr. Gärtner und dem Schulleiter Herr Timmermann wurde der wissenschaftliche Teil der Tagung von einem alten Bekannten eröffnet: Die Schülerinnen und Schüler hatten sich gewünscht, dass Werner Beckmann, der lange Jahre am Mariengymnasium unterrichtet hat, für die wissenschaftliche Einstimmung sorgt. Es wurde schnell klar, wieso die Schülerschaft gerade diesen Referenten ausgewählt hat. Virtuos verband Beckmann in seinem Vortrag »Neues vom Turm« einschlägige Bibeltexte und Zitate aus Goethes »Faust« mit Überlegungen vom Wesen und von der Funktion der Wissenschaft.




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Werner Beckmann interpretiert den Turmbau zu Babel.


Im Anschluss begann der von den Schülerinnen und Schülern gestaltete Teil des Kongresses. Die erste thematische Sektion wurde sehr geschickt von Tim Woitschach moderiert. In ihr trug zunächst Helen Schweinsberg die Ergebnisse ihrer Facharbeit Medienerziehung an Schulen – sinnvoll oder überflüssig vor. Helen hatte in einer empirischen Studie die Auswirkung von Medientraining in den fünften Klassen untersucht und kam zum Ergebnis, dass ein solches Training lohnend ist und durchaus ausgeweitet werden könnte. Mit ihrem gelungenen Vortrag machte sie Werbung für weitere Medienschulungen am Mariengymnasium.




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»Medienkompetenz ist ein wichtiges Bildungsziel«, meint Helen Schweinsberg.


Ebenfalls mit Bildung befasste sich der Vortrag von Fenna Froehlich. Sie untersuchte den Zusammenhang zwischen sportlicher Leistungsoptimierung und Persönlichkeitsentwicklung. Für die Zuhörer war dieser Vortrag besonders interessant, da Fenna als aktive Leichtathletin und Übungsleiterin beim Heidmühler FC viel eigene Erfahrungen in ihren Vortrag mit einfließen lassen konnte.




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Fenna Froehlich kombinierte in ihrem Vortrag wissenschaftliche Erkenntnisse mit eigenen Erfahrungen.


Norbert Maaß untersuchte in seiner Facharbeit den Einfluss des Neoliberalismus auf Inhalte von Medienprodukten, die sich an Jugendliche richten. Auf dem Kongress präsentierte er seine Ergebnisse: Er zeigte auf, dass Konzerne und Lobby-Gruppen mit großem Aufwand Medienerzeugnisse generieren, die sie in den schulischen und außerschulischen Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen verankert wissen wollen. Neben mehr oder weniger offensichtlicher Werbung, geht es, so Norbert, in komplexeren Projekten darum, ideologisch Einfluss zu nehmen und bereits junge Menschen auf die Lehre des Neoliberalismus einzuschwören. Norbert gelang es mit seinem Vortrag eine lebendige und kontroverse Diskussion anzustoßen.




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Professionell gestaltete Medien aus dem Internet und das für umsonst? Norbert Maaß zeigt, dass es sich lohnt, genau hinzuschauen.


Mit Witz und Charme eröffnete Marcus Coordes als Moderator die zweite Sektion des Kongresses. Er übergab das Wort zunächst an Aike Marie Vathauer, die über Frauenbilder in Horrorfilmen referierte. Anhand von Filmsequenzen aus sieben Jahrzehnten Kinogeschichte stellte Aike Marie vier verschiedene Frauenbilder vor, die im Genre Horrorfilm propagiert werden. Für eine Schulveranstaltung war dieser Untersuchungsgegenstand sicherlich überraschend, aber mit profunder Kenntnis, interessanten Analysen und einem Schuss Humor zog Aike Marie die Zuhörer in ihren Bann.




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Aike Marie Vathauer präsentiert dem Auditorium eine sogenannte »screaming queen«


Für den nächsten Vortrag wurde der Raum zunächst abgedunkelt und die Ouvertüre von Wagners Oper »Der fliegende Holländer« eingespielt. Mit diesem Tonbeispiel bereitete die nächste Referentin Nadine Ennen ihren Vortrag über Richard Wagner vor, der eben nicht nur ein genialer Komponist, sondern auch ein so übler antisemitischer Hetzer gewesen ist, dass seine Stücke und Opern in Israel nicht öffentlich gespielt bzw. aufgeführt werden dürfen. Mit viel Fingerspitzengefühl beschrieb Nadine das Dilemma, zwischen künstlerischer Begabung und ideologischer Verbohrtheit trennen zu wollen, aber eben auch nicht zu können.




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Keine fertigen Antworten, dafür eine Menge moralischer Fragen. Nadine Ennen bei ihrem Vortrag über Richard Wagner.


Nadines Vortragstitel »Der Klang des Hasses« hätte man auch gut dem nächsten Referat zuordnen können. Justin Asseln hatte in seiner Facharbeit die Rolle von Frauen im Rechtsrock untersucht. Justin konnte verdeutlichen, dass es im Rechtsrock derzeit nur wenige weibliche Akteure gibt, dass diese aber eine propagandistische Lücke schließen und daher gezielt von rechtsextremen Kreisen zur Verbreitung menschenverachtender Ideologie herangezogen werden. Durch zahlreiche Textbelege konnte Justin die politischen Facetten des Frauen-Rechtsrock vorstellen und ihre bizarren Widersprüche aufzeigen.




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Wissenschaft kann hohe Opfer verlangen: Justin Asseln musste sich durch die Texte von Rechtsrockbands quälen.


Gerrit Kirchhoff führte als Moderator souverän durch die dritte und letzte Sektion. Großen Respekt konnte gleich der erste Vortragende erringen: David Schoone stellte als passionierter Hobbyflieger und versierter Naturwissenschaftler ein von ihm entwickeltes System vor, mit Hilfe dessen der Strömungsabriss an Tragflächen, der häufig zu Abstürzen von Flugzeugen führt, verhindert werden kann. David gelang es, die physikalisch komplexen Zusammenhänge anschaulich darzustellen. Die Zuhörer begeisterte auch der Ansatz seiner Idee, den er der Anatomie von Vogelflügel entlehnt hat.




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Der wissenschaftliche Ansatz von David Schoone: »Von der Natur lernen!«


Ein regionales Thema hatte der nächste Vortragende Hedde Hobbie in seiner Facharbeit behandelt. Er referierte über den Jade-Weser-Port. Hedde analysierte sehr sachlich den wirtschaftlichen Zustand des Hafens und sein ökonomisches Potenzial.




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Den allzu optimistischen Prognosen und der ätzende Kritik zum Trotz. Beim Thema Jade-Weser-Port bewahrte Hedde Hobbie einen kühlen analytischen Blick.


Den Abschluss des Vortragsprogramms konnte Frederic Bindow mit seinem Referat über den Weltfußballkonzern FIFA sehr lebendig gestalten. Frederic sezierte das System Blatter und trug eindrücklich vor, welche Schattenseiten Fußball­weltmeisterschaften für die Gastländer haben. In der anschließenden Diskussion wurde vor allen Dingen über Katar als Ausrichtungsort debattiert.




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Frederic Bindow ist sich sicher: »Einer gewinnt bei einer WM immer: Die FIFA.«


Mit Frederics Vortrag endete die Veranstaltung »Sounds of Science«. Die Vortragenden konnten eindrücklich zeigen, dass in den Seminarfächern zu einer breiten Palette von Themen hervorragende Arbeiten angefertigt werden. Dem Initiator, Dr. Markus Gärtner, ist großer Dank auszusprechen, dass es ihm gelungen ist, einige dieser Arbeiten aus dem Schatten des kursinternen Geschehens ins Rampenlicht der (Schul-)öffentlichkeit zu bringen.



Dank gebührt auch dem Seminarfach SE2 für eine tadellose Vorbereitung und Durchführung des Kongresses. In diesen Dank ist auch das Bürgerhaus mit seinen Mitarbeitern und Technikern miteinzubeziehen.



Besonderen Spaß hat den Zuhörern auch die Schüler-Lehrer-Band bereitet, die zu diesem Anlass aus der Taufe gehoben wurde. Es spielten Marcus Coordes (keyb), Steffen Freesemann (dr), Markus Gärtner (git. + voc.) und Klaus Wagner (bass).




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Begleitveranstaltung: Ausstellung des Seminarfachs »Typografie«.

In den Pausen hatten die Gäste des Symposiums außerdem Gelegenheit, in einer Ausstellung Bilder, Installationen und Filme aus dem Seminarfach Typografie anzuschauen. Ausgestellt wurden Arbeiten von Virginia Gath, Svea Hein, Benjamin Heiser, Francesco Huber, Dominik Mühlena, Christina Müller, Gerrit Saathoff und Evke Schröder.