04.02.2015 | Gedenkstätte Esterwegen – Studienfahrt der vier eA-kurse Geschichte (29.1.) Autor: Dr.Wagner-Kyora

Die umfassend neu gestaltete Gedenkstätte Esterwegen ist seit vier Jahren in Anziehungspunkt für Interessierte aus der Region westliches Niedersachsen, aus dem nördlichen Nordrhein-Westfalen und aus den Niederlanden, um sich über die terroristisches Unterdrückungspolitik der Nationalsozialisten zu informieren. In den sogenannten insgesamt fünfzehn Moorlandlagern, dessen wichtigstes und auch erstes das Lager Esterwegen war, wurden politische Häftlinge und nach Kriegsbeginn vermehrt Kriegsgefangene aus Polen und seit 1941 vor allem jene aus der Sowjetunion unter menschenunwürdigen Bedingungen untergebracht und brutal gequält. Insgesamt waren es 200.000 Gefangene, von denen etwa 20.000 zumeist an Auszehrung und Entkräftung durch Zwangsarbeit und Hungerernährung starben, davon waren die allermeisten sowjetische Kriegsgefangene.


Von den politischen Häftlingen war der prominenteste der politische Schriftsteller Carl von Ossietzky, der als Friedensnobelpreisträger des Jahres 1937 zum Staatsfeind Nr. 1 der Nazifaschisten geworden war und in diesem Jahr an seinen vor allem in Esterwegen erlittenen Verletzungen starb. Nach Carl von Ossietzky ist deshalb die Universität Oldenburg benannt. Denn die Gefangenen der Moorlandlager wurden nicht nur zu kräftezehrenden Moorarbeiten gezwungen, sondern auf Arbeitskommandos weit im westlichen Niedersachsen verteilt, darunter auch viele, welche die Umgehungsstraße, die spätere Stadtautobahn, in Oldenburg durch Erarbeiten ausbauen mussten.




Die Studiengruppe aus 57 Schüler/innen des Mariengymnasiums, die begleitet wurde von ihren vier Kurslehrern, Hanna Peilstöcker, Anja Cotte, Thorsten Rottmann und Dr. Georg Wagner-Kyora, erhielt zunächst eine historische Einführung durch Frau Mithöfener und Herrn Ausländer. Beide gehören dem Gedenkstättenteam bereits seit Jahrzehnten an, seit dieses sich in den späten 1970er und in den 1980er Jahren, zunächst in einer Arbeitsstelle in Papenburg, unter der Leitung des Ehepaares Buck konstituiert hatte.


Die umfangreiche Dauerausstellung zur Geschichte der Emslandlager wurde anschließend individuell besucht. Mit aktuellen museumsdidaktischen Standards wird hier die Leidensgeschichte der Hunderttausenden Terroropfer der Nazis anhand von Einzelschicksalen packend veranschaulicht. Sehr viele Originale von ehemaligen Häftlingen vermitteln die Authentizität des Geschehenen. Zahlreiche biographische Schwerpunktinformationen erlauben überdies einen genauen Einblick in die einschneidende Erfahrung des Gefangenendaseins. So wurde der langjährige SPD-Fraktionsvorsitzende im Preußischen Landtag Ernst Heilmann auch in Esterwegen bestialisch gequält und in seiner Würde erniedrigt, ehe er 1940 im Konzentrationslager Buchenwald ermordet wurde. Viele große Nachkriegspolitiker der Bundesrepublik, darunter auch der niedersächsisches Ministerpräsident von 1951 bis 1960 Georg Diederichs waren politische Häftlinge im „Konzentrationslager“ und späteren „Straflager“ Esterwegen gewesen.




Nach der Zwischenpause erarbeiteten die Geschichtschüler/innen unter Anleitung von Frau Mithöfener und Herrn Ausländer in drei Arbeitsgruppen Schwerpunktthemen. Die Wirkungsgeschichte des Moorsoldatenliedes in Deutschland wurde von den Bearbeiter/innen als eines der wichtigste Lieder des 20. Jahrhunderts beurteilt. Die Geschichte der Gedenkstätte wurde im Rahmen einer weiteren Schwerpunktausstellung im Haus ebenfalls genau aufgearbeitet und in ihren Wechsellagen analysiert. Anfangs, also bis in die 1970er Jahre hinein, gab es nämlich überhaupt keine Bereitschaft in der Emsländer Bevölkerung sich mit diesem verstörenden Thema der eigenen Regionalgeschichte überhaupt auseinander zu setzen. Infolge der überaus erfolgreichen Gedenkstättenarbeit in den vergangenen Jahren ist hier aber ein vollkommener Wandel hin zur breiten Akzeptanz eingetreten.


Schließlich befasste sich eine größere Gruppe mit der Außenarchitektur der Gedenkstätte, also der architektonischen Neugestaltung des ehemaligen Lagergeländes durch ein prononciertes Konzept. Auf die vermeintliche Rekonstruktion der verschwundenen Originalbauten wurde verzichtet. Mittels Naturelementen wurde vielmehr eine abstrakte Begegnungsweise mit den schrecklichen Geschehnissen des Terrors der Wachmannschaften ermöglicht, die konkret erfahren wird durch Landschaftsgestaltung. Dieses ästhetisches Konzept nun wurde im Plenum aller Arbeitsgruppen in anregender Weise durchaus kontrovers diskutiert.


Hierbei wurden einmal mehr die Möglichkeiten einer auf das interessierte Publikum abzielenden Gedenkstättenarbeit reflektiert. Sie hat in den vergangenen Jahren wesentlich dazu beigetragen, dass unsere bundesdeutsche Gegenwartsgesellschaft gelernt hat mit der verstörenden Erblast des faschistischen Terrors infolge eines permanenten Gedenkens produktiv im Sinne eines erweiterten Lernens aus der Geschichte umzugehen. Indem die Geschichte der massenhaften NS-Gewaltaten und -Morde als eine kontinuierliche Erinnerungsarbeit von vielen aufgenommen wird, können wir durch dieses Gedenken den Opfern ihre Würde ein Stück weit zurückgeben.