01.12.2015 | Schulbesuch von General a.D. Dieter Stöckmann Autor: Mareike Spiess-Hohnholz

Die Aula des Mariengymnasiums war am frühen Donnerstag zum Bersten voll mit den Schülerinnen und Schülern des Oberstufenjahrgangs 11, als Dieter Stöckmann, 74, mit einem klaren »Moin« Stellung bezog am Rednerpult. Sich und seinen Zuhörern wünschte der ehemalige Bundeswehrgeneral und einstmals höchste europäische Nato-Offizier, dass die folgenden zwei Schulstunden nicht zum »Pflichtfach mit drögem Stoff« missraten würden.



Das taten sie nicht. Gemessen an den klugen Schülerfragen zu brennend aktuellen Problemen der Gegenwart hätten es ruhig ein, zwei Stunden mehr sein können.



Seinen Vortrag zum Thema »Wachsendes Sicherheitsbedürfnis und Sorge um Lebensqualität«, am Vorabend vor Ehemaligen und Gästen des MG gehalten (s. JW vom 27.11.), hielt Stöckmann verkürzt. Als neunfacher Großvater war ihm bewusst, dass sein morgendliches Auditorium noch im Vorschulalter steckte, als er im Jahr 2002 seine an Spannungen reiche Militärlaufbahn bereits beendet hatte. Auch war der Abiturient des Jahres 1961 sehr neugierig auf die Fragen der Schüler seines alten Gymnasiums, die 2017 ihren Abschluss machen werden .




Thema Nummer eins: Flüchtlinge. Die ersten Hundertschaften sind längst auch im deutschen Nordwesten angekommen, überwiegend Opfer des Terrorregimes des »Islamischen Staats« (IS) in weiten Teilen Syriens und des Irak. Mag ja sein, »dass wir von ihnen profitieren können«, fragte eine Schülerin, aber bringe ihre Anwesenheit nicht auch »Negatives«?




Stöckmann war drei, sein Bruder Achim anderthalb Jahre alt, als sie 1944, Weltkriegsflüchtlinge aus Pommern, an der Hand und auf dem Arm der Mutter zu Fuß durch das zerbombte Deutschland in Jever ankamen. Wohl auch wegen dieser persönlichen Erfahrung riet Stöckmann zur Gelassenheit. Er erinnerte, wie schon am Vorabend, an die 350 000 Kosovo-Flüchtlinge, die nach 1999 problemlos in der Bundesrepublik aufgenommen worden seien. »Wir sind führend in der Lösung sozialer Probleme,wir können uns das leisten, bis zu einer gewissen Grenze.« Dann müssten notfalls Verfahren geändert werden, nicht aber das Grundgesetz. Das dort verankerte Recht auf politisches Asyl sei nicht anzutasten. Und wie am Vorabend rief er auch die Schüler auf, das Flüchtlingsthema nicht mit der Angst vor den IS-Terroristen in einen Topf zu werfen.




»Wie würden Sie denn den IS bekämpfen?«, fragte ein Zuhörer. »Wenn ich das wüsste, wäre ich heute nicht hier«, so Stöckmann. Militärschläge aus der Luft halte er für unabdingbar, um die logistischen Einrichtungen des IS zu vernichten. Denn die Organisation sei auf Nachwuchs angewiesen und auf »Erfolge«, spektakuläre Anschläge also. Beides koste viel Geld, weshalb dem IS »die Quellen abgegraben« werden müssten: zuvörderst der Schwarzmarkt mit dem erbeuteten Öl (»davon profitieren auch diejenigen, die dort die Bomben werfen«), dann der illegale Handel mit Jahrtausende alten Kulturgütern. Beides spüle täglich einen dreistelligen Millionenbetrag in die IS-Kassen.



Angesprochen auf die wichtigsten Quellen des IS, die Hilfsgelder aus Saudi Arabien und Qatar, gab sich Stöckmann ratlos, ob die jemals trocken zu legen sein würden. Die USA würden an der Allianz mit den ölreichen Golfstaaten nichts ändern wollen, und die Deutschen mit ihren umfangreichen Lieferungen von Waffen- und Industriegütern würden im Fall eines Lieferstopps mit schmerzhaften Konventionalstrafen belegt werden. Saudis und Qataris würden einerseits »von uns gespeist«, andererseits schafften sie die Grundlage für den IS-Terror. Für Stöckmann, den Ex-General und nunmehr Bürger ohne Uniform, sei das zwar »unerträglich«, aber er werde es nicht mehr erleben, »dass wir aus den Verträgen heraus kommen.«



Auf die Schülerfrage nach einem Erfolg versprechenden Ausweg aus der gegenwärtigen Krise in Syrien und dem Irak sagte Stöckmann, den sehe er einzig in einer großen internationalen militärischen wie politischen Allianz, die in ehrlicher Solidarität am Friedensziel arbeitet. »Was heute dort abläuft, ist alles andere als solidarisch«. Und wie am Vorabend forderte Stöckmann, Russland müsse »mit ins Boot«, und zwar »auf Augenhöhe«. Dem skeptischen Einwand, die Russen würden doch nie ihren Schützling, den syrischen Staatspräsidenten Baschar al-Assad fallen lassen, setzte Stöckmann seine Erfahrung vom Ende des Balkankrieges entgegen. Dort hat er als Verhandlungsführer der Nato für die KFOR-Friedenstruppe erlebt, dass die Russen ihre Unterstützung des serbischen Präsidenten Slobodan Milošević aufgegeben hatten und wo es gelungen war, 1500 russische Soldaten in die
KFOR-Friedenstruppe einzubeziehen. Dass Assad von der politischen Bühne verschwinden könne, sei mithin für ihn ein durchaus »denkbares Szenario«.



Großen Applaus der Schülerinnen und Schüler gab es für den welterfahrenen Gast, der ihnen zum Abschluss ans Herz legte:»Gehen Sie frühzeitig ins Ausland, erweitern Sie Ihren Horizont so oft und so viel es geht, und Sie werden Ihr Land mit anderen Augen sehen.«