Auslandsberichte

 

Zahlreiche unserer Schülerinnen und Schüler entscheiden ein Jahr im Ausland zu verbringen oder gehen nach dem Abitur in ferne Länder. Auf dieser Seite berichten sie von ihren Erlebnissen und Erfahrungen.

 

Von diesen Orten berichten Schülerinnen und Schüler

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Karte High Seas High School Mexico Togo Taiwan Israel Australien

Bericht aus Sydney H.Alpha, M.Anft

So, die ersten Wochen in unserer neuen Umgebung sind verstrichen und es wird Zeit für einen ersten Bericht, denn manche Dinge, die uns am Anfang als etwas Besonderes vorkamen, erscheinen nun schon fast normal:

  • Leute, die bei jedem Wetter barfuß durch den Supermarkt laufen, neben anderen, die auch bei Sonnenschein in Winterschuhen daher kommen.
  • Stets freundliche und entspannte Aussies (so nennen sich die Australier selbst gerne), die einem gerne weiterhelfen und ein kleines Schwätzchen halten, auch am Telefon von Behörden usw.
  • Dass vieles dann doch nicht beim ersten oder zweiten Mal klappt und man dann halt noch ein zweites oder drittes Mal anrufen muss, um sein Anliegen geregelt zu bekommen.
  • Viel schönes Wetter, aber Häuser, in denen man friert, sobald die Sonne untergegangen ist, wenn man nicht gleich die Heizung anstellt.
  • Eine unglaublich schöne und abwechslungsreiche Landschaft.
  • Viele naturverbundene Australier, die aber ohne Ende Energie verschwenden (Statt sich bei 19°C einen Pullover überzuziehen, wird halt z.B. eine der in jedem Cafe zu findenden Freiluftgasheizungen angemacht.)
  • Kreischende Rainbow Lorikreets, Kakadus und Wale, die an der endlos scheinenden Küste nach Süden ziehen.
  • Dass fast alles total teuer ist, besonders die Miete und das Essen.
  • Surfer, die bei jedem Wind und Wellengang surfen und »rockfisher« (Angler, die auf Felsen stehen), die auch bei jedem Wetter auf den Felsen stehen und öfters mal von einer Welle aufs Meer gespült werden.

lora

So, nun aber zur Schule in Sydney, schließlich ist dies ja ein Bericht an unsere alte Schule…

Nach Australien gereist sind wir ja, weil ich an der Deutschen Internationalen Schule Sydney als Bio- und Chemielehrer eingestellt wurde. Wenige Tage nach meiner Ankunft ging es gleich los. Leider war der ohnehin schon aufregende Neuanfang sehr von der schockierenden Nachricht überlagert, dass eine Kollegin in dem über der Ukraine abgeschossenen Flugzeug saß. Es gab viele Tränen und eine sehr bewegende Zeremonie am Ende der ersten Schulwoche, aber auch nach so einem Ereignis stellte sich dann irgendwann wieder der Alltag ein.

Alltag heißt für die Schüler Unterricht von 8:45 bis 15:15 bzw. 16:00 Uhr für die älteren mit einer Mittagspause von 45 min, bei der jeder sein mitgebrachtes Essen verspeist. Wer draußen ist, muss einen Sonnenhut tragen, auch im Winter (Eine Regel, die die Oberstufenschüler ziemlich blöd finden). In der Schule wird alles vom Kindergarten bis zur Oberstufe angeboten, jeden Jahrgang gibt es nur einzügig. Manchmal gibt es einen englischen und einen deutschen Zweig.

Für die Lehrer heißt Alltag 25,5 bis 28 Unterrichtsstunden pro Woche und Anwesenheitspflicht von 8:30 bis 15:15 oder 16:00 Uhr. Dazu kommen noch etwa 2 Stunden Aufsicht (immer mit Sonnenhut und Warnweste!) und ein bis zwei Konferenzen pro Woche, oder Dinge wie vier Tage der offenen Tür am Samstag pro Jahr oder ein »German Weihnachtsmarkt« im August (kein Scherz, denn im Dezember kommt bei der Hitze wohl kein rechtes Weihnachtsgefühl auf, es wurden 4000 Bratwürste und ganz viele »original german Leberkaes« verspeist und der Erlös ging an den Förderverein der Schule). Für vermittelte Auslandslehrer wie mich gibt es dann noch einige Zusatzsaufgaben, da wir ja im Gegensatz zu den Ortslehrkräften »nur« 25,5 Stunden pro Woche unterrichten müssen. Ich selbst schaffe es nicht, in dieser Zeit alles zu erledigen und so wird meist abends und am Wochenende weiter gearbeitet, was den deutschen Lehrern ja auch bekannt ist. So sitzt man dann als Lehrer auch nach 16:00 Uhr mit einigen seiner Kollegen im Lehrerzimmer oder halt zuhause bis 22:00 Uhr am Schreibtisch (Denn in der Schule kommen um 20:00 Uhr die »Cleaner« durchs Haus gerauscht, stets freundliche aber laute asiatische Reinigungskräfte mit Staubsauger auf dem Rücken und Musik vom iphone in der Hand). Da ist es allerdings mehr als ein kleiner Trost, dass der nächste Strand nur 300 m von unserer Wohnung im Norden Sydneys entfernt ist und das Wasser selbst im Winter 16 °C »warm« ist und dass die Landschaft hier atemberaubend schön ist.

Fast jeder Lehrer hat seinen eigenen (sehr) kleinen Arbeitsbereich im Lehrerzimmer mit eigenem PC und stets funktionierendem Farbdrucker. In jedem Klassen- und Fachraum gibt es ein (fast immer) funktionierendes Smartboard, Kreide ist hier unbekannt. So kann ich nach jeder Stunde ganz einfach alles, was wir notiert haben, speichern oder für die Klasse ausdrucken. Funktioniert mal etwas nicht, ruft man einfach den stets hilfsbereiten Scott, der allein für die Schul-IT zuständig ist (und immer gut zu tun hat).

Die Schüler unserer Schule haben meist wenigstens einen Elternteil mit deutschen Wurzeln, manche sind schon sehr lange an der Schule, viele haben aber auch schon auf vielen anderen Teilen der Welt gelebt. Gesprochen wird entweder Deutsch oder Englisch, wobei es mehr Schüler gibt, die sich in der englischen Sprache wohler fühlen und so werden manche Fächer auf Deutsch und andere auf Englisch unterrichtet. Da es eine Privatschule ist, müssen die Eltern oder deren Arbeitgeber Schulgeld bezahlen. Es gibt noch zahlreiche weitere, z.T. sehr teure Privatschulen, die sehr viel Werbung in Sydneys Zeitungen für sich machen.

autobus

Die Schule hat sechs eigene (mehr oder weniger große und mehr oder weniger betagte) Busse, mit denen jedes Kind abgeholt wird, wenn die Eltern das wünschen. Viele werden auch gebracht oder fahren bis zu 1 ¾ Stunden pro Richtung mit den öffentlichen Bussen.

Es gibt auch einige Austauschschüler in Klasse 10, 11 und 12! Die Austauschschüler wohnen in Gastfamilien und werden von einer Sozialarbeiterin der Schule vermittelt und betreut. Nach Klasse 12 gibt es keine Abiturprüfung, sondern die Schüler machen das International Baccalaureate (IB), ein international anerkannter Abschluss. Dazu gibt es am Ende eine weltweit zentrale Prüfung in sechs Fächern, die fast die gesamte Note ausmacht. Noten und Zeugnisse, wie wir sie aus Deutschland kennen, gibt es nicht. Trotzdem müssen die Schüler sehr viel büffeln und Protokolle, Berichte und Essays schreiben. Die Schule bietet übrigens auch Stipendien für Austauschschüler an! Wer dazu mehr Infos wünscht, kann sich auch auf der Homepage der Schule gut informieren (German international School Sydney, GISS) oder uns schreiben.

Jeder IB- Schüler muss außerdem eine creative activity oder social activity belegen und darüber in einem eigenen Fach reflektieren und außerdem das Fach Theory of knowledge (Erkenntnistheorie) belegen. So kann man dann einigen von ihnen einmal wöchentlich dabei zusehen, wie sie bei einer AG für die Grundschüler der ersten Klasse oder im Kindergarten mithelfen. Die IB-Kurse sind meist sehr klein, in meinem größten sind nun neun Schüler, im kleinsten vier. Es gibt ein »IB-study-center« mit PCs, an denen die IB-Schüler in den Freistunden arbeiten können. Hier haben auch die IB-Koordinatorin und die Sozialarbeiterin ihr Büro mit fast immer offener Tür. Daneben gibt es je einen Aufenthaltsraum für die IB- und die Sek-I- Schüler, eine Bibliothek mit Bibliothekarin, eine Turnhalle und nebenan eine Schwimmschule, zu der die Klassen zum Schwimmen gehen. In den Pausen spielen die meisten Schüler »Handball«, dabei muss man einen kleinen Gummiball genau einmal auf einem kleinen Feld aufkommen lassen, bevor man ihn zurück spielen darf.

aussies

Soweit erst mal unser erster Bericht. Herzliche Grüße aus Down Under nach Friesland!

Unter Beschuss: Leben in Südisrael 2014 Antje C. Naujoks (Abitur 1984)


Antje C. Naujoks machte 1984 am Mariengymnasium Abitur und lebt seit Anfang 1987 in Israel. Sie ist als Beauftragte für Öffentlichkeitsarbeit sowie als freischaffende Übersetzerin berufstätig und lebt seit einigen Jahren im Süden Israels. Ihre Stadt Beer Sheva ist wieder einmal von den Raketenangriffen aus dem Gazastreifen betroffen.

Am Wochenanfang ließen mich berufliche Verpflichtungen in den Norden fahren. Die Zeit dort fiel kürzer als geplant aus, denn es war klar: Bei mir Zuhause im Süden des Landes stehen die Zeichen endgültig auf Sturm. Schon vor meiner Abfahrt hatte es zum ersten Mal seit dem 22. November 2012 wieder Grad-Raketen auf die Stadt gehagelt. Also nichts wie zurück. Leider sollte ich Recht haben. Schon in den darauffolgenden Tagen gab es ab und zu Raketenalarm. Die berufliche Fahrt am Mittwoch von Beer Sheva nach Kiryat Gat und zurück, zusammen rund 100 Kilometer, war purer Stress. Nein, nicht wegen des Verkehrsaufkommens. Das hielt sich eher in Grenzen, denn wer kann, geht möglichst wenig vor die Haustür. Schließlich ist es eines der bescheidensten Gefühle, schutzlos im Auto sitzend, von einem Raketenalarm erwischt zu werden. Das weiß ich nur zu gut aus eigener Erfahrung. Erst am Ende des Tages, als ich die Stunden Revue passieren ließ, wurde mir klar: Die Fahrt habe ich als stressiger empfunden, als die beiden Raketenangriffe, die es während des Besuches einer ausländischen Delegation in meinem Kinderheim in Kiryat Gat gab. Donnerstag verlief ereignislos, zumindest in Beer Sheva. Während im Takt von wenigen Minuten Abstand im Radio durchgegeben wurde, «Sirene Kfar Aza», «Sirene Zikim», «Sirene Sderot» usw., war es in Beer Sheva ruhig. Abends waren eine Freundin und ich uns am Telefon einig: Mensch, wir haben ja einen richtigen Luxustag gehabt, kein einziger Raketenalarm. Tja, wie sagt man doch so schön: Du sollst den Tage nicht vor dem Abend loben!?!  19.30 sprang die Sirene an. Sie läuft rund 40 bis 45 Sekunden. Ist sie vertönt, muss ich nicht nur im Schutzraum sein, sondern auch die Tür verriegelt haben. Das ist ein zusätzlicher Handgriff, dauert nur zwei Sekunden, aber wenn man nur noch wenige Sekunden bis zu einer möglichen Druckwelle auf Grund einer explodierenden Rakete zur Verfügung hat, dann kann es sogar auf den Bruchteil einer Sekunde ankommen. Da saß ich nun auf meiner notdürftig hergerichteten Matratze, auf der ich seit Tagen schon schlafe. Mein Schutzraum, auf den ersten Blick ein ganz normaler Raum meiner Wohnung, ist bisher Rumpelkammer, denn nach dem Umzug vor wenigen Wochen stehen dort die restlichen Kartons sowie Möbel, die ihren Platz noch nicht gefunden haben. Dennoch war ich inzwischen vorbereitet: Das Eisenschott war längst vors Fenster gezogen, das übrigens aus Sicherheitsglas mit ebensolchen Verriegelungsankern wie die Tür besteht. Für Computer, Notfalltelefon, Taschenlampe, Wasser wie auch Sitzecke für die Katze war längst gesorgt.

Da saß ich nun, die Katze streichelnd. Ehrlich gesagt: Das soll nicht nur die Kleine beruhigen, sondern auch mich. Die Sirene war vertönt. Jetzt kann man bis zehn zählen, spätestens dann hört man das Geknalle. Wie viele Bürger des Negev, habe auch ich gelernt, den Krach zu deuten: hell tönender Knall – abgefangen vom «Eisenkuppel»-System, dumpfer Knall lässt zwei Möglichkeiten offen, nämlich eingeschlagen entweder im Freiland oder eingeschlagen in bebautem Gebiet. Eins, zwei, drei, vier – noch Zeit zur Ankunft der Raketen… doch oh je, schon geht die nächste Sirene los. Die ersten Knalle – abgefangen – , die zweite Sirene ist verstummt, da geht auch schon die dritte los. Ich kann vollen Herzens sagen, dass ich mich im Schutzraum tatsächlich bestens geschützt fühle – bestens angesichts der Umstände –, aber als ich die Knalle zählte – ich war bei drei – und dann doch tatsächlich sogar in die dritte die vierte Sirenenwarnung reinlief, war mir mehr als nur mulmig. So kündigt man uns seit einiger Zeit eine Salve an. Dann steigt die Chance, dass etwas nicht in der Luft abgefangen wird, um ein Vielfaches.

israel

Links: Beer Sheva ist eine Stadt etwas größer als Oldenburg. In ihr leben jüdische und muslimische Bürger Israels Tür an Tür. Die Karte zeigt die Lage von Beer Sheva (orangener Punkt) am Rand der Negev-Wüste einige Kilometer südwestlich des Westjordan-Lands (hellgrau). Die Raketen, von deren Einschlägen Antje Naujoks berichtet, werden im Gaza-Streifen abgeschossen, dem schmalen Küstengebiet, das westlich von Beer Sheva am Mittelmeer liegt (ebenfalls hellgrau). [Quelle der Karte: Wikipedia]



Um die Geschichte kurz zu machen: Nicht alles ging gut. Zehn Raketen, mindestens. Einige Berichte redeten jedoch von an die zwei Dutzend auf einmal. Eine traf ein Haus. Doch weil die Menschen die Sicherheitsanweisungen des Zivilschutzes genau befolgten, war das Haus zwar fast vollständig dem Erdboden gleich gemacht, der Schutzraum aber stand, und die Großfamilie, die sich daran aufhielt, kam lediglich mit einem gewaltigen Schrecken davon. Nach einer erneut schlecht geschlafenen Nacht fing der Freitag dann genauso mies an, wie er enden sollte. Die Morgennachrichten verkündeten, dass sogar Haifa in Norden Sirenen gehört hatte. Damit war jetzt klar, dass das, was Nachrichtendienstquellen immer gesagt haben – Hamas und die anderen islamistischen Gruppen im Gazastreifen basteln an der Reichweite und haben zudem noch andere Raketentypen durch die Tunnel vom Sinai eingeschmuggelt –, stimmt. Somit müssen von etwas mehr als acht Millionen Bürger des Staates Israel rund sechs Millionen jede Sekunde mit einem Raketenangriff rechnen. Freitag kam es zu ich-weiß-schon-nicht-mehr-wie-vielen Angriffen auf Beer Sheva. Es war klar, eine Rakete hatte irgendwo eingeschlagen. Noch im Schutzraum sitzend gaben Freunde durch, dass mein Wohnviertel getroffen sei. Also nach der vorgeschriebenen Wartezeit raus. Tatsächlich, von meinem Balkon konnte ich viel Blaulicht von Polizei, Zivilschutz, Feuerwehr und Krankenwagen sehen, allerdings in meinem Nachbarquartier. Auch dieses Mal gab es nur eine leicht verletzte Person. In den Nachrichten sah ich nachher etliche meiner Miteinwohner von Beer Sheva, die sich beschwerten, dass es in diesem Quartier mit rund 1.000 Wohnhäusern keinen einzigen Schutzraum gibt. Und damit wurde mir mal wieder klar: Matratzenlager, Rückenschmerzen und Rumpelkammer hin und her, egal, ich habe die Luxusvariante…

< Rechts: Blick von Antjes Balkon auf die Umgegend von Beer Sheva, die mehrmals von Raketen getroffen wurde. Im Hintergrund das "Eisenkuppel"-Raketenabwehrsystem. [Foto: Antje C. Naujoks]



Beer Sheva

Die Nacht zum Samstagmorgen gab es dann um 3.55 in der Früh einen Weckruf aus dem Gazastreifen – übrigens fast pünktlich zu Beginn des täglichen Ramadan-Fastens. Als ich mit aufkommender Helligkeit meinen Kaffee auf dem Balkon trank, glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen. Ein riesiger Fahrzeugkonvoi auf dem Kamm des Berges am Horizont. Das Fernglas bestätigte: Armee. Schnell war klar, dass es eine «Eisenkuppel»-Abwehrbatterie ist. Ich fragte mich: Was machen die denn dort in Richtung Dimona und Yerucham? Da haben die doch noch nie gestanden! Die Antwort kam um 13.40 mit dem nächsten Alarm. Wieder ein erfolgreicher Abschuss des «Eisenkuppel»-Systems, das konnte ich hören. Dennoch klang es weiter weg als sonst und hatte einige zusätzliche Sekunden nach Verklingen der Sirene gedauert. Zu dem Alarm hieß es in den diversen Newstickern: Alarm Region Beer Sheva, Yerucham und Dimona. Also doch! In den vergangenen Tagen hatte es einmal in Richtung Dimona einen Alarm gegeben, mehr nicht. Und so saß ich dann wieder auf meinem Balkon, schaute mir das System nochmals mit dem Fernglas an und dachte: Keine 12 Stunden vor dem ersten ernsthaften Versuch, Raketen in Richtung Dimona zu feuern ... dort wo einer der beiden Atommeiler des Landes steht! Mein Land ist, was sicherheitspolitische Aspekte angeht, manchmal etwas überzogen, streckenweise mutet es sogar paranoid an, doch in den Momenten war ich über einen Standardsatz des ganzen Landes einfach nur froh: «Wir müssen immer einen Schritt voraus sein…»

2013/14: High Seas High School – Ein »etwas anderes« Auslandsjahr Tabea-Sophie Krupa (10e)


Hallo,

ich heiße Tabea-Sophie und besuche die Klasse 10e. Seit dem 03.05.2014 bin ich wieder zurück in Deutschland, nachdem ich die letzten sieben Monate, genauer gesagt seit dem 10.10.2013, auf einem Segelschulschiff unterwegs war. Natürlich nicht allein, sondern zusammen mit 25 Mitschülern aus ganz Deutschland, darunter auch Lennart aus der 10a, ging es etappenweise nach Lateinamerika und zurück.

Zwei Tage vor dem eigentlichen Auslaufen gingen wir am 10.10.2013 in Hamburg an Bord der Johann Smidt, einem ehrwürdigen Zweimaster, denn es mussten noch allerhand Vorbereitungen getroffen werden. Außer uns 26 Schülern richteten sich auch vier Lehrer und sieben Stammcrewleute, die uns das Segeln beibringen sollten, in ihren Kojen ein.

Johann Smidt
Teide
Delfin
SS Johann Smidt
Pico de Teide / Teneriffa
Wir werden von Delphinen begleitet…

Zwei Tage vor dem eigentlichen Auslaufen gingen wir am 10.10.2013 in Hamburg an Bord der Johann Smidt, einem ehrwürdigen Zweimaster, denn es mussten noch allerhand Vorbereitungen getroffen werden. Außer uns 26 Schülern richteten sich auch vier Lehrer und sieben Stammcrewleute, die uns das Segeln beibringen sollten, in ihren Kojen ein.

Am 12.10.2013 legten wir, nachdem wir uns von unseren Familien verabschiedet hatten, in der Hamburger Hafencity bei strömendem Regen ab und dann ging die Reise (endlich) los. Raus aus der Elbe nahm unser Schiff Kurs auf: Es ging in Richtung Englischer Kanal. Wegen des schlechten Wetters mussten wir einen Zwischenstopp in Portsmouth/ England einlegen. Dort lagen wir vom 16.10. bis zum 23.10.2013 im Hafen und warteten darauf, dass sich die stürmische See etwas beruhigte. Wir nutzten die Zeit an Land, um ein Museum mit alten Kriegsschiffen zu besuchen, schauten uns die Jugend-Kadetten und ihr Schiff an, waren mehrmals im Park zum Fußballspielen und Relaxen und gingen einmal Bowlen.

Und schon ging es weiter mit ein bisschen Geschaukel durch den Kanal hindurch. Der nächste Hafen, den wir aufgrund eines weiteren Orkans ansteuerten, war Brest in Frankreich. Auch hier lagen wir ein paar Tage an der Pier; vom 25.10. bis zum 29.10.2013. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir uns schon gut kennengelernt. Freundschaften waren geschlossen worden und das Leben an Bord hatte sich bereits gut eingespielt. Außer­dem hatten wir zwei Geburtstage zu feiern und besuchten ein Aquarium.

Portsmouth
Spinaker Tower in Portsmouth
Nach dem zweiten Aufenthalt ging die Reise weiter durch die Biskaya… nun allerdings schon mit ein bisschen mehr Geschaukel und einigen Mahlzeiten, die dem einen oder anderen hin und wieder hochkamen. Am 09.11.2013 erreichten wir – gesund und munter trotz Seekrankheit – unser erstes „richtiges“ Ziel: die bekannte Ferieninsel Teneriffa. Hier erwarteten uns trotz der winterlichen Jahreszeit strahlender Sonnenschein und warme 28°C. Es war wunderschön, vor allem nach der stürmisch-kalten Überfahrt. Auf Teneriffa stand uns die Besteigung des 3.700 Meter hohen Pico de Teide, dem höchsten Berg Spaniens, bevor. Am 13.11.2013 ging es los. Je höher wir kamen, desto dünner wurde die Luft, was den Aufstieg sehr anstrengend machte. Aber der Ausblick war gigantisch. Nach einer Übernachtung in eine Hütte ging es am nächsten Morgen nach einem tollen Sonnenaufgang über den Wolken wieder hinunter.
Unterricht auf dem Schiff

Nun erwartete uns die lange Atlantiküberquerung. Am 19.11.2013 stachen wir in See mit Kurs auf Westen. 24 Tage ohne Land in Sicht. Das gemeinsame Leben an Bord war mittlerweile zum Alltag geworden, wir
hatten uns aufeinander eingespielt und Schulunterricht fand auch regelmäßig statt. Besondere Augenblicke waren für mich unter anderem, wenn uns Delfine begleiteten – manchmal sehr große Familien – und auch
das Schwimmen im riesigen, ca. 3 Kilometer tiefen Atlantik.

Am 13.12.2013 sahen wir zum ersten Mal nach 3 ½ Wochen wieder Land – ein tolles Gefühl.  Wir liefen in Martinique ein, eine kleine Insel in der Karibik, die zu Frankreich gehört. Dort unternahmen wir eine
Kajaktour zu den Mangrovenwäldern und waren am Strand. Am 19.12.2013 ging es weiter nach Curacao, einer ca. 444 km² großen Karibikinsel, die einen autonomen Landesteil im Königreich der Niederlande
bildet. Dort hatten wir allerdings nur einen kurzen Aufenthalt von einem Tag im Hafen der Hauptstadt Willemstad, da wir den Weihnachtsabend auf See verbrachten. Trotzdem freuten wir uns, dass
wir hier Internetverbindung etc. hatten und mit unseren Familien sprechen konnten.


Am 24.12.2013 stachen wir pünktlich zum Heiligabend um 18 Uhr wieder in See. Weihnachten an Bord war schön. Es war natürlich etwas ganz anderes als zu Hause, nicht nur wegen des Temperaturunterschieds, sondern auch vom Feeling – eben etwas sehr Besonderes.

Am 29.12.2013 kamen wir bei den San-Blas-Inseln an. Es sind Hunderte, die sich entlang der panamaischen Karibikküste bis zur kolumbianischen Grenze erstrecken. Sie sind jeweils nicht länger als 400 Meter, und auf ihnen wachsen Palmen und sie sind von Sandstränden umgrenzt. Auf den Inseln lebt der Stamm der Kuna-Indianer. Sie wohnen auf Wohninseln, welche komplett bebaut sind und bewirtschaften Anbauinseln, wo sie die Palmen anbauen und pflegen. Außerdem betreiben sie Fischfang. Auf einer dieser Anbauinseln feierten wir auch Silvester. In Hängematten schliefen wir zwischen den Palmen.
Willemstad Christmas Bacardi Beach
Willemstad / Curacao (niederl. Antillen) Weihnachten auf dem Schiff San-Blas Inseln
Am 04.01.2014 ging es weiter nach Panama. Nach ein paar kleineren Zwischenstopps auf Isla Grande und Porto Bello kamen wir am 08.01.2014 in Shelter Bay an. Dieser Hafen liegt am Eingang des Panamakanals auf der Atlantikseite. Am 09.01.2013 gingen wir von Bord und reisten für einen Monat durch Panama und Costa Rica. Wir besuchten Panama City an der Pazifikschleuse des Panamakanals.

Wir machten einen Tagesausflug nach BCI, einer Regenwaldinsel im Panamakanal. Außerdem startete unsere Expedition in Panama City. Hierfür teilten wir uns in vier Gruppen auf und reisten getrennt. Von Panama City ging es nach Longo Mai, einem Dorf in Costa Rica, wo das gemeinschaftliche Zusammenleben auf Basis von Selbstverwaltung und landwirtschaftlicher Selbstversorgung im Vordergrund steht und verschiedene soziale und politische Projekte durchgeführt werden. Dort lebten wir zehn Tage lang zu zweit in Gastfamilien und halfen jeweils einen Tag lang bei der Zuckerrohrernte und einen Tag bei der Kaffeeernte. Wir stellten Scho­kolade und Kaffee selbst her und waren jeden Tag in dem Fluss, der an das Dorf grenzt, baden. Außerdem machten wir einen Tanzkurs für lateinamerikanische Tänze mit und waren im Regenwald ausreiten. Der Zielpunkt war ein beeindruckender Wasserfall.
Panama
Panama City
Von Longo Mai aus ging es wieder zurück nach Panama. Dort verbrachten wir zwei Tage im Nebelwald (hier wurde übrigens der »Waldplanet« aus der »Star Wars-Reihe« gedreht), bevor es weiter ging zur Provinz Bocas del Toro, die schon 1502 von Kolumbus erkundet worden war. Hier lebten wir in einer spanischen Sprachschule und hatten ein wenig Freizeit. Am 04.02.2014 ging es dann nach einem Monat wieder an Bord zurück.
Zuckerrohrernte
Kaffeeernte
Tauchboot
Zuckerrohrernte
Kaffeeernte
Tauchboot auf Utila
Mayatempel
Mayatempel in Copán (Gruppenbild der Klasse)
Wir segelten weiter nach Utila. Diese Insel liegt etwa 32 Kilometer vor der karibischen Küste Honduras. Hier lernten wir das (Nacht-)Tauchen und schauten uns das Korallenriff an. Wir sahen aber nicht nur Korallen, sondern auch Tiere wie Seesterne, Seepferdchen, Rochen, Schildkröten und natürlich Fische in allen Größen und Farben. Nach 11 Tagen Utila ging es mit der Fähre rüber auf das Festland Honduras, wo wir für zwei Tage nach Copán fuhren, um uns die Ruinen einer Mayastadt anzuschauen. Auch hier wurde, wie während der gesamten Reise der Tour angepasst, ein Referat zur Architektur und zur Religion der Maya gehalten.

Am 24.02.2014 ging es wieder zurück an Bord und weiter nach Kuba. Auf dem Weg dorthin bekamen wir auch einmal Buckelwale zu sehen. Am 01.03.2013 legten wir in Kubas Hauptstadt Havanna an, wo wir einige Tage verbrachten. Wir unternahmen eine Stadtführung und besichtigten unter anderem das Haus des Guerillaführers Ché Guevara und sahen Havanna von oben (von einer Dachterasse eines großen Hotels). Außerdem machten wir einen Tagesausflug zu dem Fischerdorf, wo auch das Wohnhaus des berühmten Autors Hemingway steht. Um dieses Dorf dreht es sich in seinem Werk »Der alte Mann und das Meer«, welches wir im Deutschunterricht gelesen haben. Nach einigen Tagen Havanna-Aufenthalt fuhren wir mit einem Bus nach Pinar del Rio, die Hauptstadt der gleichnamigen westlichsten Provinz Kubas. Dort besuchten wir eine Schule und schauten uns die Tabakverarbeitung an.
Am 10.03.2014 ging es wieder auf die Johann Smidt zurück und wir segelten weiter zu den Bahamas, wo wir vom 12.03. bis zum 15.03.13 im Hafen von Freeport lagen. Bei diesem Aufenthalt drehte sich jedoch
alles ums „Klar-Schiff-machen“ und wir hatten daher keinen „Landgang“. Danach ging es weiter zur im Atlantik liegenden Inselgruppe Bermuda. Am Tag der Ankunft fingen zwei Jungs unserer Schülercrew (endlich) einen Fisch. Es war ein 67 cm langer Thunfisch – der erste Erfolg mit ihrer Angel, die sie sich bereits zu Beginn der Reise in Brest gekauft hatten. Vom 22.03. bis zum 27.03.2014 lagen wir
dort in St. George im Hafen. Hier ließen uns die Lehrer unsere Freizeit selbst gestalten und wir Schüler übten uns im »Hafenfisch-Angeln«. Auch hierbei hatten wir Glück und es wurde ein 30 cm langer Snapper gefangen.
Tabak
Tabak hängt zum Trocknen aus
Dann begann endgültig die Rücktour: Es ging weiter über den Atlantik. Diesmal war es allerdings kälter als auf der Hinfahrt. Nach 16 Tagen erreichten wir die Azoren am 12.04.2014. Wir lagen an der bekannten, bemalten Kaimauer von Horta. Das Besondere hieran ist, dass jedes Schiff oder Boot, welches in Horta festmacht, etwas auf die Pier malt. Das taten wir auch: Ein Steuerrad, welches unsere verschiedenen Aufenthaltsorte zeigt. In einer Kneipe am Hafen kann man übrigens Briefe abgeben, die mehrere Jahre aufbewahrt werden – eine witzige Idee.

Am 15.04.2014 liefen wir schon wieder aus und kamen, nach einem Zwischenstopp in Guernsey/England, am 26.04.2014 auf Helgoland an. Es war ungewohnt, alle Leute Deutsch sprechen zu hören. Wir hatten für Deutschland um diese Jahreszeit ungewöhnlich warmes Wetter. Aber das freute uns natürlich, denn seit Bermuda hatten wir auch kältere Temperaturen. Auf Helgoland schauten wir uns die Lange Anna an und besichtigten das fünfstöckige! Tunnelsystem unter Helgoland.

Der Schlussspurt begann: Am 30.04.2014 ging es rüber nach Glückstadt an der Elbe. Hier waren wir beim Maifeuer dabei, absolvierten fast alle unsere SBF-Prüfungen (Sportbootführerschein See), für die wir schon die gesamte Tour über geübt und gelernt hatten, und trafen die letzten Vorbereitungen für unsere Rückankunft. Die Nacht vom 02.05. auf den 03.05.2014 verbrachten wir vor Anker, 15 Seemeilen von Hamburg entfernt.

Am 03.05.2014 war es soweit: Wir liefen wieder in Hamburg ein. Im Traditionsschiffshafen hatten wir uns vor sieben Monaten von unseren Familien verabschiedet, um in die weite Welt hinaus zu segeln, und heute nun schlossen wir sie wieder in die Arme. Gleichzeitig mussten wir uns jedoch von unseren Freunden verabschieden, mit denen wir sieben Monate auf engstem Raum zusammengelebt hatten.

Das war mein »etwas anderes« Auslandsjahr. Ich kann es nur weiter empfehlen. Es war eine unglaubliche Reise, die ich niemals vergessen werde.
Zuckerrohrernte
Kaffeeernte
Tauchboot
Kaimauer von Horta
Unser Steuerrad


2012: Austausch mit Taiwan Luise Hinrichs


我叫盧以思.今年我在台灣,台北…

Schon gut, ich hoere auf. Hier bin ich also, eine Rotary-Austauschschuelerin (Schleichwerbung!!) im quirligen, blinkenden, bunten und ewig wachen Taipei; vor vier Wochen nach 13 Stunden Flug mitten in eine asiatisch-chaotische Welt gestuerzt und kann gar nicht genug bekommen.

luise in taiwan

Bevor meine Wahl auf Taiwan fiel, kannte ich die kleine Insel hoechstens von den „Made in Taiwan” Produkten her und mir war weder bewusst, dass man hier Chinesisch spricht, noch, dass ich ein Jahr spaeter hier die 國立三重高中 oder auch „National Sanchong Senior High School” besuchen wuerde. Letztlich hat es mich gereizt, in ein Land zu gehen, dass so ganz anders als Deutschland ist und den „westlichen” Kulturkreis zu verlassen.

Der schulische Alltag ist hier um einiges haerter als in Deutschland. Ich stehe um 5:30 Uhr auf (da ist in Deutschland noch gestern!) und nehme einen Bus, sodass ich um ca. 7:05 Uhr in der Schule ankomme (vorausgesetzt, es gibt keinen Stau auf dem Hinweg). Dort geht es dann in den 5. Stock (nach deutscher Zaehlweise waere das der 4., hier gibt es kein Erdgeschoss) in die Klasse 一一六(116), wo schon viele meiner 43 Mitschueler auf den superunbequemen Stuehlen sitzen und warten. Um 7:30 klingelt es zum ersten Mal, dann muessen alle da sein. Die naechste halbe Stunde wird unterschiedlich verwendet. Montags und mittwochs geht es auf den Sportplatz zu einer Morgenversammlung aller Schueler und Lehrer (Pi mal Daumen muesste es etwa 2100 Schueler an meiner Schule geben), wo dann irgendwelche Reden gehalten werden - natuerlich auf Chinesisch, ergo verstehe ich herzlich wenig. Ausserdem ist es echt heiss (ich gehe nicht mehr ohne Faecher dahin), da es in Taiwan auch morgens um halb 8 gut ueber 30 Grad warm ist. Hitzefrei? - ist nicht! (Allerdings gibt es Klimaanlagen in den Klassen.) An den anderen Tagen wird in dieser Zeit Organisatorisches innerhalb der Klasse besprochen oder es werden Tests geschrieben. Ohne Lehrer. Und NIEMAND guckt ab.

big sleep

Der Stundenplan beinhaltet hier Faecher wie Informatik, „Earth Science" (eine Mischung aus Bio und Erdkunde, welche es aber jeweils noch mal extra gibt) und Militaerunterricht, neben „normalen” Faechern wie Erdkunde, Mathe, Chemie, Physik, Bio, Musik, Kunst, Sport, Geschichte, Englisch, Japanisch und Chinesisch. Es gibt pro Tag acht Stunden a 55 Minuten und eine Stunde Mittagspause. Das heisst, ich habe erst um 17 Uhr schulfrei… was allerdings noch gar nichts im Vergleich zu meinen Klassenkameraden ist, die meistens bis 21 Uhr in der Schule bleiben, um Hausaufgaben zu machen und Tests vorzubereiten. Daher leiden sie auch unter chronischem Schlafmangel und nutzen die Busfahrt zur Schule, die Fuenfminutenpausen und natuerlich die Mittagspause zum Schlafen. Die Mittagspause ist aufgeteilt in eine halbe Stunde Essen und eine halbe Stunde Schlafen, das ist verpflichtend.

Ich erwaehnte, wie hart die Schule hier ist? Gluecklicherweise bin ich Austauschschueler und habe deshalb nach einer Woche einen neuen Stundenplan bekommen, sodass ich jetzt taeglich Chinesischstunden mit den anderen Austauschschuelern (ein Mexikaner, ein Thai, eine Koreanerin und ein Brasilianer), ein paar Stunden in meiner Klasse und ein paar Stunden frei habe, in denen wir meistens im schuleigenen Pool schwimmen gehen. Das ist sehr angenehm. Und freitags habe ich Spanisch- und Japanischstunden, sowie Budaixi (chinesische Handpuppen) -Unterricht, extra fuer die Austauschschueler. Ueberhaupt werden wir als Austauschschueler von Lehrern und Schuelern sehr nett behandelt (und mitunter auch mit hysterischem Gekreische begruesst). Wildfremde Leute sprechen mich an, sagen „Hello!”, „Can I take a picture with you?” und „Can I have your phone number?” bzw. „Ooohhh, Waiguoren!!” und „Your eyes are so beautiful!”. Sie sind blau und das finden hier alle so toll, dass selbst Jungs blaue Kontaktlinsen tragen. Ausserdem habe ich als Europaeer ja eine recht ausgepraegte Lidfalte, da sind auch alle ganz scharf drauf (meine Gastmutter hat sich das hinoperieren lassen, da war ich gerade drei Tage hier).

teacher

Mein Spezialfreund in der Schule ist der Mathelehrer meiner Klasse. Nachdem er mich in seiner ersten Stunde mit ziemlicher Sicherheit veraeppelt hat und ich in seiner zweiten Stunde geschlafen habe (ich war WIRKLICH muede und hatte keine Buecher bekommen und konnte daher noch schlechter nachvollziehen worum es geht), kam er zu mir und meinte (Achtung, gewisse Unsicherheit, da durch Mitschueler uebersetzt und durch mich interpretiert), ich solle doch aufpassen, so koennte ich Chinesisch lernen. Dann hat er mir noch sein Buch geschenkt und generell war er mir gleich sympathisch. In Mathe habe ich sogar eine ungefaehre Ahnung, denn, wie Herr Hochheiser schon sagte, „Mathe ist international!”. Allerdings gibt es hier keine Taschenrechner und ich, die ich seit der 7. Klasse nicht mehr im Kopf gerechnet habe, sehe gegen die anderen ziemlich alt aus…

marching on

Eine andere Sache sind die Jiaoguan, Maenner in Uniform, die den ganzen Tag in der Schule herumlaufen, bzw. in der „Discipline Section” sitzen, die Schulbusse einweisen oder die Schuelerlotsen befehligen. Nach vorsichtigem Nachfragen hat meine Chinesischlehrerin mir erklaert, dass das tatsaechlich Soldaten sind, die in den Schulen arbeiten, um „den Lehrern zu helfen, die Disziplin zu wahren” (obwohl taiwanesische Schueler mit das Disziplinierteste, das ich je gesehen habe, sind). Daher geben sie auch den Militaerunterricht. Manchmal schreien sie auch Dinge auf Chinesisch, aber dass verstehe ich halt nicht, also versuche ich, nicht aufzufallen (ohne Erfolg, mit blonden Haaren und blauen Augen bin ich etwa so unauffaellig wie ein rosa Elefant).

Wir hatte auch schon Erdbeben- und Feuertraining. Das Erdbebentraining besteht darin, sich unter seinen Tisch zu verkriechen (das ist in meinem Fall gar nicht so einfach, da ich fuer taiwanesische Verhaeltnisse ziemlich gross bin) und dann mit der Schultasche ueber dem Kopf nach draussen auf den Schulhof zu laufen. Das Feuertraining war allerdings echt um einiges besser als in Deutschland. Wir haben tatsaechlich gelernt, mit einem Feuerloescher umzugehen und mussten durch einen dunklen, mit Rauch gefuellten Raum kriechen. Man hat NICHTS gesehen und der Rauch brannte in den Augen. Gluecklicherweise hatte einer meiner extrem netten Mischueler mir sein Tuch gegeben, mit dem ich Mund und Nase bedecken konnte, sodass ich nicht die ganze Zeit husten musste. Dazu gab es einen Erste-Hilfe-Crashkurs (der war allerdings nicht so gut, da vor 450 Schuelern gleichzeitig gehalten) und Sicherheitbelehrungen bezueglich des Umgangs mit offenen Flammen. Also nicht „Wir laufen zum Schlossplatz und gehen unterwegs noch beim Baecker vorbei“…

klasse 116

Meine Klasse hat mich supernett begruesst und den Klassenraum zu meinen Ehren dekoriert. Auch meine Gastfamilie ist toll, was mich aber langsam echt stoert, ist, dass ich nur so wenig Chinesisch spreche. Wenn man hier herkommt ist man Analphabet und weil chinesische Worte sich so ungewohnt anhoeren, vergesse ich sie staendig wieder. Ich kann mich zwar verstaendigen, aber das ist beides ganz schoen laestig. Ansonsten ist Chinesisch prinzipiell nicht schwierig und ich merke auch, wie es mir langsam leichter faellt, aber man muss sich erst einmal reinfuchsen.

Von der Sprachbarriere mal abgesehen, ist Taiwan aber sehr schoen, wenn auch sehr anders. Besonders schaetze ich die vielen kleinen Geschaefte/ Staende/ manchmal auch ausgebaute Rollstuehle, die es hier gibt. Taiwan ist zwar Industrienation, hat aber noch (meiner Meinung nach) mehr von seinem eigenen Charme bewahrt als die meisten europaeischen Laender. Unglaublich voll beladene Motorraeder, Open-Air-Friseursalon und Strassenfeger mit diesen chinesischen Dreieckshueten in Neonfarben zum Beispiel. Ich bin wirklich gluecklich hier.

Zum Abschluss noch einige Anekdoten:

  • Bezueglich des Toilettenpapiers herrscht hier die Einstellung „Bring-your-own”…
  • Der Schulhof ist wunderschoen und hat Koifische.
  • Muelltrennung wird in der Schule (ganz im Gegensatz zum Rest Taiwans) sehr ernst genommen (in die Bestandteile zerlegen, diese waschen und dann getrennt in die richtigen Muelleimer werfen).
  • Die Schule beschaeftigt keine Reinigungskraefte, stattdessen putzen die Schueler zweimal am Tag (jeder hat seine kleine Aufgabe, das ist echt in Ordnung).
  • In Freistunden unterhaelt sich NIEMAND. Oder tut irgendetwas anderes als Lernen, Hausaufgaben machen oder Schlafen. Das war ein ziemlicher Schock…

Das war's erst einmal fuer heute. Wenn ihr mehr Interesse an meinem Leben in Taiwan habt, dann besucht meinen Blog auf jeverjeverland, wo auch Eilert aus den Vereinigten Staaten und Selina aus Botswana berichten!

再見!

2012: Schüleraustausch Puebla / Mexico Katharina Djuren


theotihuacan Ich bin jetzt seit dem 31.07.2012 hier in Mexiko und es gefällt mir sehr gut. Der Flug war anstrengend, aber ich wurde mit offenen Armen empfangen. Die Gastfamilie ist sehr nett. Wir wohnen in Puebla, 2 Stunden von Mexiko-City entfernt. Das Leben hier ist sehr unterschiedlich zu dem in Deuschland aber man gewöhnt sich daran.

Wir waren 2 Wochen in Mexiko-City und haben dort bei Microsoft eine Art Praktikum gemacht. Außerdem waren wir bei den Pyramiden in Teotihuacán. Am 20.08 begann die Schule. Ich gehe auf das Colegio Humboldt Puebla. Die Schule ist sehr groß, da Kindergarten und 1-12 Klasse vertreten sind. Es gibt Gruppen, wo nur auf Deutsch unterrichtet wird, welche nur auf Spanisch und dann gibt es noch 'Global' Gruppen, in welcher ich bin. Dort werden 2 Fächer auf Englisch, 2 auf Deutsch und der Rest auf Spanisch unterrichtet.

Letzen Donnerstag und Freitag war die sogenannte Novatada. Das ist eine Tradition, wo die 12. Klassen sich etwas ausdenken dürfen um die 10 Klassen zu 'quälen', weil sie jetzt die neuen in der Oberstufe sind. Es war richtig lustig. Mit der Familie machen wir auch sehr viel. Meistens am Wochenende. Zum Beispiel waren wir im Africam, eine Safaritour. Wie gesagt, mir gefällt es richtig gut in Mexiko.

Liebe Grüße. :)

Katharina

2012: Freiwilligendienst in Togo, Afrika Lea Smidt


„Togo? Wo ist denn das?“ war die Frage, die mir immer wieder gestellt wurde, als ich meiner Familie, meinen Freunden und Bekannten im letzten Jahr mitteilte, dass ich dort für 12 Monate leben und arbeiten würde. Ich muss gestehen, bevor ich die Stellenbörse der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) nach dem Land und dem Projekt in dem ich meinen Freiwilligendienst ableisten wollte, konsultierte, wusste ich auch nicht so genau, wo Togo liegt, geschweige denn, welche Sprache(n) dort gesprochen wird. (Um dies gleich einmal zu beantworten: Neben der Amtssprache Französisch sind die meist gesprochenen Sprachen Ewe, Kotokoli und Kabyé.)fischer

Mit meinem Unwissen war ich wahrscheinlich kein Einzelfall. Togo war von 1884 bis zum Ersten Weltkrieg deutsche „Musterkolonie“ (ein eher unschöner, fast schon zynischer Begriff), doch die Franzosen und Engländern eroberten Togoland im Jahre 1914. Es ist wahr, dass noch heute viele Togoer behaupten, wenn die Deutschen geblieben wären, würde die Situation in ihrem Land wesentlich besser sein. Dies ist natürlich absurd, da die von den Deutschen errichtete Infrastruktur zwar teilweise noch existiert, aber mit Hilfe von Zwangsarbeit realisiert wurde. Trotzdem wird mir aufgrund meiner Herkunft keineswegs negativ oder mit Vorbehalten begegnet (im Gegensatz zu den Franzosen). Und es ist sicherlich nicht falsch, wenn man sagt, dass die wirtschaftliche Schwäche Togos unter anderem der Kolonialherrschaft zu verdanken ist, aber noch viele weitere Faktoren eine Rolle spielen.

Wirtschaftliche Schwäche? Was das genau bedeutet, habe ich erst nach einigen Monaten, die ich in Togo gelebt habe, verstanden. Es bedeutet: Kein Sozialsystem, fehlende Bildungsmöglichkeiten und Entwicklungsperspektiven für das Individuum und für die Gesellschaft insgesamt. Hinzu kommen Korruption, Vetternwirtschaft und etliche NGOs, die in keiner Weise effektive, gut koordinierte Arbeit leisten. Dies ist sehr drastisch gesagt, was auch notwendig ist, um die Situation, in der die Menschen hier leben, und die globale Ungleichheit auszudrücken. Es bedeutet allerdings nicht, dass das Leben hier unangenehmer ist als in Europa, nur eben anders.

Zum einen ist man als Mitarbeiterin der GIZ mit einem monatlichen „Gehalt“ von 200 Euro relativ gut gestellt für togoische Verhältnisse, so dass sich das sehr günstige Leben doch recht gut aushalten lässt, auch ohne Milch, gepflasterte Straßen, Waschmaschine und ALDI. Zum anderen ist der Aufenthalt hier eine Erfahrung, die mich ungemein bereichert. In den ersten Monaten entdeckte ich jeden Tag etwas Neues, was mich zum Erstaunen brachte. Auch schaffen es viele Menschen hier immer wieder mich in Diskussionen oder in ihren Taten zu verblüffen.

tanzWie sehr einen die Umgebung, in der man aufwächst prägt, merkt man wohl, wenn man über das Konzept der Familie diskutiert, über den Konflikt Bibel vs. Evolution, Voodoo oder eigentlich simple Themen wie das Für und Wider eines Studiums. Aber alles ist auch eine Sache der Gewohnheit. Während mich am Anfang noch Muezzine und Hahnenschreie (die merkwürdigerweise auch vor Sonnenaufgang, z.B. um 3 Uhr krähen) aus dem süßen Schlaf rissen, sind es mittlerweile nur noch die Beerdigungen in der Nachbarschaft. Ja, Beerdigungen, ein Thema, bei dem ich schnell merkte, dass ich eine Europäerin bin, die Tod immer mit Särgen, Trauerstimmung und Kirche verbindet. Hier läuft das Ganze etwas anders ab. Der Körper des Toten wird am Morgen der Beerdigung aufgebahrt. In der Nacht zuvor wird laute Musik gespielt, Tchouk (lokales alkoholhaltiges Getränk), Sodabi (lokaler Palmschnaps, der gut für die Verdauung ist, aber einen in die Ohnmacht treibt) oder Bier getrunken und ausgelassen gefeiert- zur Ehre des Toten/der Toten. Bei den Kabyé geht dem ein Tanz, „So“, voraus, der schwer beschreibbar ist. Man ist teilweise komisch verkleidet, hat Instrumente oder ähnliches dabei und es wird die traditionelle Musik gespielt. Diese Tradition finde ich zwar unglaublich beeindruckend und teilweise übernehmenswert, allerdings raubt sie mir den Schlaf. Danke an Airfrance für die Ohropax, die auf ihren Flügen verteilt werden. Sie verhinderten Schlimmeres.

Kara, meine Heimatstadt, die die drittgrößte Togos ist und 600 km (=8 Stunden Fahrt) von der Hauptstadt Lomé entfernt liegt, ist eine Universitätsstadt. Ich fühle mich sehr wohl hier, da sie beschaulicher und weniger europäisch ist als Lomé und man sich gut mit den Studenten austauschen kann. Als im Dezember vergangenen Jahres in Lomé und Kara die Studenten auf die Straße gingen, weil ihnen jegliche finanzielle Unterstützung der Regierung gestrichen werden sollte, durfte ich miterleben, wie für einen Tag anarchische Zustände im sonst sehr ruhigen und sicheren Kara herrschten. Die Straßen waren blockiert, Feuer brannten, die Studenten verschafften sich Zugang in die Schulen und schickten die Kinder (angeblich teilweise gewaltsam) nach Hause. Aber dieser Vandalismus ist ihnen wohl kaum zu verdenken, angesichts der Missachtung vorheriger Proteste und den Bedingungen, unter denen sie studieren. Des Weiteren ist die Frustration eines Jura-Absolventen zu verstehen, der sich als Zedfahrer durchschlagen muss. Zed/Zem (im Süden und Benin) ist die Abkürzung für Zemidjan (=Motorradtaxi), das gängige Transportmittel hier, wenn man nicht so gerne läuft, wie ich es eigentlich mache. Nur für meine Arbeit in den Dörfern ist das Motorrad essentiell.

Mein Arbeitsplatz ist das Sozialzentrum des SOS, welches an das SOS-Kinderdorf angegliedert ist. Unsere Arbeit zielt darauf ab, die wirtschaftliche Lage der Familien in der Umgebung Karas zu verbessern, um den Kindern dieser Familien eine Perspektive zu geben. Zudem führen wir Sensibilisierungen zu Themen wie Hygiene, Gesundheit oder Kindererziehung durch. Es gibt verschiede Instrumente mit denen wir arbeiten, zum Beispiel fahren wir im Moment in einen Kanton namens Awandjélo, um dort einen Entwicklungsplan in den Familien, die vom Programm des SOS profitieren, zu etablieren. Dies ist eine Arbeit, die eigentlich Spaß macht, da man unterschiedliche Menschen kennenlernt und viel über die Realität in den Dörfern, die doch sehr anders ist als die der Stadt, erfährt. Auch wenn meist in der Lokalsprache Kabyé gesprochen wird, kann ich einigermaßen die Arbeit unterstützen. Außerdem bin ich ja dabei die Sprache zu lernen und verstehe einige Brocken des Gesagten. Das Frustrierende an der Arbeit ist, dass uns angeblich keinerlei finanzielle Mittel zur Verfügung stehen, um den Familien zu helfen, was die Arbeit gleich wieder sinnlos macht, weil es sich beim Entwicklungsplan um eine Art Vertrag zwischen dem SOS und der Familie handelt, der eine gewisse Unterstützung verspricht, aber auch einen Beitrag der Familie einfordert. Doch auch solche Erfahrungen lehren mich und lassen einen selbst im fernen Afrika die Finanzkrise spüren (Kürzung des Entwicklungshilfeetats, Rückzug der NGOs aus vielen Projekten).

kinderMit Kindern arbeite ich hier eher ungern zusammen. Als ich eine Zeit im SOS-Kinderdorf gearbeitet habe, durfte ich zwar süße Babies auf dem Arm haben, ihre Windeln auf afrikanische Weise wechseln (vollkommene Überforderung beim ersten Mal) und ihnen das Laufen beibringen, aber Respekt haben die Kinder vor einer jungen, weißen Frau nicht. Schließlich schlage ich nicht und sowieso ist „Annasayaa“ (was auf Kabyé „Weiße“ heißt) viel zu interessant. Das Bild, dass Weiße Geld haben und immer Bonbons verschenken, herrscht leider immer noch in vielen Köpfen vor, auch nicht ganz zu unrecht, schließlich sind wir in gewisser Weise unglaublich reich und  man fühlt sich ja auch wie ein Samariter, wenn man ein Kind durch Bonbons zum Strahlen bringt. Es kommt oft vor, dass mir Kinder (oder auch Erwachsene) hinterher rennen, „Yovo“ („Weiße“ auf Ewe) oder „Annasayaa“ rufen und mich nach irgendwelchen Dingen (z.B. „Ha-m liidiye“= „gib mir Geld“) fragen oder anfassen wollen. Dies erklärt vielleicht, dass die Arbeit mit Kindern wirklich anstrengend ist, da man nie vergessen wird, dass man die „Weiße“ ist, auch wenn dies in keiner Weise abwertend gemeint ist.Viele Leute machen sich natürlich auch einen Spaß daraus mich so zu nennen. Und dies ist ein weiterer Grund, warum ich das Leben hier so genieße: es macht Spaß, ich lache viel und auch wenn es hier Menschen gibt, von denen ich mich frage, wie sie sich finanziell über Wasser halten, die Fröhlichkeit und die Offenheit, mit der einem begegnet wird, ist enorm. In keinem europäischen Land würde man so nett willkommen geheißen wie hier. Auch habe ich ein großes Vertrauen in viele Leute, die mir immer wieder geholfen haben, wenn ich nicht wusste, wie ich mich zurechtfinden sollte.

Die negativen Erfahrungen, die ich hier gemacht habe, hängen mit dem Phänomen Geld zusammen. Meine Einstellung „Geld regiert die Welt, aber nicht mich“, musste ich hier noch einmal neu überdenken. Geld ist nun mal der Schlüssel zu Bildung, Gesundheit, Anerkennung in der Gesellschaft usw. Das Problem ist wohl die Ungleichverteilung, nicht nur global gesehen, sondern auch auf nationaler Ebene. Schließlich fahren auch hier Autos der BMW X-Klasse auf den Straßen, aber ein großer Teil der Bevölkerung schlägt sich irgendwie durch. „Il faut se débrouiller“ ist eine gängige Parole hier, die am besten mit „man muss sich selbst helfen“ übersetzt wird. Darin sind die Togoer hervorragend! Da es so gut wie kein Sozialsystem gibt, ist man sehr in das Netz der Familie eingebunden, aber jeder findet auch irgendeinen Weg, den Verkauf von irgendetwas, um ein wenig Geld zu verdienen. fufGerade deswegen gibt es auch so viele „bonnes femmes“, die am Straßenrand stehen und Essen zu sehr günstigen Preisen (zwischen 20 und 80 Cent) verkaufen. Darunter findet man immer Waachi (Reis mit einer bestimmten Bohnensorte und sehr scharfer Tomatensoße mit Trockenfisch und Ingwer) oder Koliko (Igname frites mit Spaghetti und scharfer Tomatensoße). Gegessen wird oft mit der Hand, was wirklich Spaß macht und ein Vorteil ist, besonders bei Pâte oder Fufu. Dies ist von der Konsistenz her mit sehr festem Kartoffelbrei zu vergleichen. Ersteres ist aus Maismehl gemacht, Letzteres ist gestampfter Igname/Yams (ein Gemüse, das man mit den Kartoffeln bei uns vergleichen kann). Das Essen hier ist sehr spannend und lecker, aber die Zubereitung ist nicht einfach und dauert sehr lange. Kochen ist in jedem Fall körperliche Anstrengung. Tomaten, Peperoni, Zwiebeln, Knoblauch, Gewürze, Bohnen… alles wird auf dem Mahlstein zermahlen. Fisch und Fleisch wird im Ganzen gekauft, muss teilweise noch geschlachtet werden. Dies hat aber auch seine Vorteile, da das Fleisch auf dem Markt nicht gekühlt wird und das Tiefkühlhühnchen aus Europa auf dem Weg nach Afrika vielleicht schon einmal aufgetaut ist oder mit Unmengen von Medikamenten vollgepumpt wurde. An Weihnachten habe ich also mein eigenes Perlhuhn gekauft und mit Freunden geschlachtet, was auf jeden Fall besser schmeckt und um einiges gesünder ist. Natürlich muss ich gestehen, dass es mich etwas schockierte, als mein Freund mit einem Lachen auf dem Gesicht, dem armen Tier die Kehle durchschnitt und es danach mit durchgeschnittener Kehle noch weglief. Auf der anderen Seite sind schon das Geschrei eines Perlhuhns und die Tatsache, dass ich seinen Kot auf meiner Kleidung wiederfand, Argumente genug es zu töten, ganz abgesehen davon, dass qualitativ besseres Fleisch nicht oft auf dem Speisezettel zu finden ist.

Alles in allem ist dies nur ein kurzer Einblick, einige gewonnene Eindrücke aus meinem Leben in Togo. Er spiegelt auf keinen Fall die Gesellschaft oder das Leben hier realistisch wider, es sind individuelle Erfahrungen. Ich empfehle jedem, diese Erfahrungen, egal in welchem Land, selbst zu machen. Abgesehen von tollen Erlebnissen (den Urlaub, den ich gemacht habe, habe ich bewusst ausgeklammert, denn man kann man bessere Reiseberichte im Internet finden), regt einen so ein Auslandsaufenthalt zum Nachdenken an. Auch beschäftigt man sich viel mit seiner Herkunft, seiner Kultur und seiner Geschichte. Ein Buch, das mir geholfen hat, viele Strukturen zu durchschauen und mich adäquater als Weiße gegenüber Schwarzen zu verhalten und mit meiner Identität klarzukommen, ist „Deutschland schwarz-weiß“ von Noah Sow. Es ist für jeden lesenswert und behandelt ein Thema, das mich hier beschäftigt hat, aber auch für jeden Weißen wichtig sein sollte.

Das Programm „weltwärts mit der GIZ“ läuft leider im kommenden Jahr aus, allerdings kann man immer noch einen weltwärts- Freiwilligendienst mit Nichtregierungsorganisationen ableisten. Hier muss man zur Finanzierung noch einen Spenderkreis aufbauen, der 25% der Kosten deckt. Wichtig ist zu sagen, dass ich mich keinerlei Gefahren ausgesetzt fühle. Außerdem sollte man sich bewusst sein, dass man kein Entwicklungshelfer ist, sondern weltwärts eine Erfahrung für die eigene Persönlichkeit ist, man aber wirklich viel daraus machen kann!

Lea Smidt