Abitur 2005                       

   
 
         
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Rede anlässlich der Verabschiedung von Hans-Jürgen Klitsch

 

 

  Wir bedanken uns recht herzlich für die Überlassung des Textes.  
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Namen 2005
 
Rede von Hans Jürgen Klitsch
 
 
 
 
 
 
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten,
sehr geehrte Eltern,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
verehrte Gäste,

nun ist es soweit. In wenigen Minuten wird die Schulzeit der hier versammelten Abiturientia 2005 mit Überreichen der Reifezeugnisse zuende sein, die offizielle Schulzeit jedenfalls. Ich will mich an dieser Stelle nicht in Allgemeinplätzen verlieren, um den jungen Leuten mitzuteilen, dass das Leben ein einziges Lernen ist. Das werden sie ohnehin erfahren. Wie auch wir Älteren es erfahren haben.

Viele von ihnen kenne ich bereits seit der Klasse 7, einige wenige, glaube ich, sogar schon aus der nun nicht mehr existierenden Orientierungsstufe. Wie sie aus meinem Unterricht wissen, habe ich Freude daran, neben dem offiziellen Curriculum auch die Weisheiten des Lebens weiterzugeben, auch wenn es so banale Themen wie die Risiken des Fahrradfahrens im Schnee betrifft. Und so ganz ungeschoren will ich sie heute auch nicht davonkommen lassen, denn hier bietet sich mir die Gelegenheit, ein letztes Mal als ihr Lehrer zu ihnen zu sprechen.
"Die Schulbildung muss man sich so weit aneignen, dass man im Reden und Denken geschult ist und nicht unvorbereitet den Höhen der Wissenschaft zustrebt", hat Philipp Melanchthon vor fast 500 Jahren in seiner Antrittsvorlesung an der Universität Wittenberg den Studenten aufgetragen. Das haben sie geschafft, und nun werden sie, mit dem Ende ihrer Schulzeit, abwechselnd zurückblicken, auf das was war, und vorausschauen, auf das was kommen mag. Sie haben viele schulische Veränderungen während ihrer Schulzeit erlebt: Die Einrichtung des bilingualen Zweigs, die Einrichtung einer Laptopklasse, die Einführung der Vergleichsprüfung in der Klasse 10, die Wiedereinführung der Kopfzensuren. Während Ihrer Zeit am Gymnasium wurden aber auch das Zentralabitur (sie sind ja der letzte Jahrgang, der nach dem alten Verfahren Abitur gemacht hat), die Verkürzung der Schulzeit auf 12 Jahre, die Veränderung der Stundentafel sowie die Reform der Oberstufe beschlossen. Die Schulen werden nun zu Profilschulen, haben ein zugewiesenes Budget, mit dem es auszukommen gilt, der Unterricht in der ersten Fremdsprache beginnt bereits in der Klasse 3… wir werden sehen, ob in Zukunft ähnlich gut ausgebildete Abiturienten hier vor uns sitzen, die dann allerdings ein Jahr jünger sein werden als sie.

Sie haben während ihrer Schulzeit an Ereignissen teilhaben können, die die Welt verändert haben. Waren sie beim Fall der Mauer noch sehr jung und haben diesen wohl eher im Nachhinein als denkwürdigen Akt registriert, so ist ihnen doch die Osterweiterung der EU intensiv klar geworden. Das markanteste Erlebnis war sicherlich mit dem 11. September 2001 verknüpft – dieser Tag ist uns allen unauslöschlich eingebrannt worden - auch die Veränderungen, die dieser Anschlag auf die Twin Towers des World Trade Centers nach sich zog. Ein Krieg wurde begonnen, Antiterrorgesetze wurden erlassen, der gläserne Bürger scheint näher und näher zu rücken, unzivilisierte Foltermethoden in zivilisierten Staaten wurden ruchbar, und Politiker streben auch in demokratischen Gesellschaften nach mehr Machtfülle. Heute vor 102 Jahren wurde George Orwell geboren, der mit Animal Farm und 1984 zwei Werke geschrieben hat, die als so genannte Antiutopien in den Kanon der Schullektüre gehören. Orwell hat in diesen totalitäre Systeme wie den Stalinismus und den Nationalsozialismus an den Pranger gestellt. Der 1949 erschienene Roman 1984 war lange Zeit nur als Portrait der Gesellschaft von damals und vorher zu lesen. Darin hat er Position gegen den Imperialismus bezogen, gegen den Überwachungsstaat, und wenn er eine seiner Romanfiguren sagen lässt, "freedom is slavery", dann wissen wir alle, dass er das Gegenteil davon meint. In 1984 wird ein fortdauernder Krieg geführt – er dient der Sicherung des autoritären politischen Systems, der Stabilisierung der Hierarchie in der Gesellschaft. Passen wir auf, dass der "war against terrorism" nicht zu einem ähnlichen Ergebnis führt. Die grundlegendste Eigenschaft, welche die Bevölkerung in den Augen der Machthaber in der Welt von 1984 aufweisen musste, war ein urtümlicher Patriotismus. Auch dieser Begriff wird sie wieder beschäftigen müssen.

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Nun, da 1984, das Jahr, nicht der Roman, mehr als zwanzig Jahre zurückliegt, wird Orwells Werk interessanter Weise, die meisten Literaturwissenschaftler sagen erstmals, als reine Science Fiction lesbar – als Ausblick in die Zukunft. Möge es nicht so weit kommen. Sie sind durch ihre Elternhäuser demokratisch erzogen worden, die Schule hat ihnen demokratische Ideen vermittelt. Geben sie diese weiter in ihrem zukünftigen Leben, nicht nur an ihre Kinder, sondern auch an ihre Kommilitonen, an ihre Kollegen am Arbeitsplatz und im Freundes- und Bekanntenkreis. Sorgen sie dafür, dass 1984 nicht doch noch Wirklichkeit wird, dass sich unsere Gesellschaft nicht von seiner demokratischen Basis entfernt, sondern im Gegenteil, diese optimiert.

Interessant ist auch der Aspekt der Reduktion der Sprache in 1984 - Konsequenz dieser Reduktion ist, dass das Bewusstsein der Menschen immer eingeschränkter wird; weil die notwendige Begrifflichkeit fehlt, wird das Entwickeln kritischer Gedanken nicht mehr möglich. Vor dem Hintergrund von PISA scheint deutlich zu werden, dass wir auf einen ähnlichen Kurs geraten sind. Angesichts der Stunden, die unsere Kleinen vor TV-Sendungen niedrigsten sprachlichen Standards verbringen, ist dringend tiefer gehende sprachliche Förderung notwendig. Ich kann es mir natürlich nicht verkneifen, in diesem Zusammenhang auf die Fernsehsendung "Big Brother" zu verweisen, weil hier ja der Orwellsche Begriff in unser tägliches Leben als Teil der Normalität gelangt ist.

Laut STIFTUNG LESEN hat sich innerhalb von 8 Jahren der Anteil der Nichtleser von 20% auf 28% erhöht, während der Anteil der Vielleser von 16% auf 6% gefallen ist. Ein Buch ohne Pausen zu lesen, fällt den Menschen immer schwerer; so sind statt 18% nun 47% der noch Lesenden nur mit längeren Pausen in der Lage, ein Buch zu Ende zu lesen. Zu diesen gehören sie nicht – aber es wird eine ihrer Aufgaben in der Zukunft sein, die gesellschaftlichen Bedingungen zu schaffen, dass sich dieser Trend umkehrt. Wer die PISA-Studie aufmerksam gelesen hat, wird aber auch bemerkt haben, dass deutsche Gymnasiasten über dem Durchschnitt der finnischen Schüler gelegen haben, so dass gerade sie, die sie hier vor mir sitzen, positiv in die Welt hinausblicken können.

Eine positive Meinung von ihnen hat auch die ehemalige Bundesfamilienministerin Christine Bergmann. "Die Jugend ist zukunftsorientiert und will die aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen meistern", sagte sie anlässlich der Präsentation der 14. Shell-Jugendstudie. Der Bielefelder Professor Klaus Hurrelmann fasste darin die Einstellung der jungen Generation zur Zukunft mit dem Motto "Aufstieg statt Ausstieg" zusammen - die sogenannte "Null-Bock-Stimmung" früherer Generationen sei ebenso wie die Protest-Stimmung bei der Mehrheit nicht mehr vorhanden. Die heutigen Jugendlichen schätzen Leistung, Sicherheit, Verantwortung und Einfluss höher ein. Das macht Mut für die Zukunft, denn eine Reihe von Problemen wird zu lösen sein.

Den Abiturientinnen hier unter uns prognostiziert Prof. Hurrelmann Positives: Der Wertewandel führte auch zu veränderten Verhaltensmustern bei Mädchen und jungen Frauen. Sie sind ehrgeiziger und selbstbewusster geworden. Karriere machen und Verantwortung übernehmen hat für junge Frauen zu Beginn des zweiten Jahrtausends eine ebenso große Bedeutung wie für junge Männer. "Karriere und Familie schließen sich bei den meisten Jugendlichen heute nicht mehr aus, sondern sind zwei zentrale, gleichberechtigte Zielvorstellungen für die Lebensführung", so die Autoren der Shell-Studie.

Zum "glücklich sein" gehört für die Jugend nach wie vor die Familie. Das sehen 75% der weiblichen und 65% der männlichen Befragten so. In der Zeitschrift "Forschung aktuell" vom 19. August 2003 fand ich diese Einstellung bestätigt: Während 1999 noch nur 52% der unter 35-jährigen Heirat und Kinder als erstrebenswert ansahen, sind es vier Jahre später bereits 56%. In Anbetracht der Vorzüge, die eine Familie ihnen bietet, stehen Freizeit, Konsum und die Investition in das eigene Vergnügen nicht mehr so hoch im Kurs. Sorgen sie dafür, dass dieser Trend sich noch verstärkt. Dann ist mir nicht bange, dass unsere Gesellschaft mit zur Zeit 1,4 Kind pro Paar eine sterbende wird. nach oben

Die Shell-Studie hat aber auch hervorgebracht, dass die Jugendlichen den politischen Parteien, der Bundesregierung und den Kirchen wenig Vertrauen entgegenbringen. Erhöhtes Vertrauen genießen allein solche staatlichen Institutionen, die als parteiunabhängig angesehen werden, wie etwa das Bundesverfassungsgericht, die Justiz und die Polizei. Als besonders vertrauenswürdig werden außerdem Menschenrechts- oder Umweltschutzgruppen eingeschätzt. Das Vertrauen, dass der Staat es schon richten werde, ist verloren gegangen. Dies bestätigt die unter Prof. Horst Opaschowski erstellte Studie "Deutschland 2020" des BAT-Freizeit-Forschungsinstituts.

Einige der hier anwesenden Mütter oder Väter erinnern sich vielleicht an die deutsche Rockband Geier Sturzflug. Die sangen 1983: " Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt. Wir steigern das Bruttosozialprodukt!" Diese Maxime vertreten zunehmend mehr junge Leute. Die Leistungs- und nicht die Anspruchsgesellschaft bestimmt die Entwicklung, und dazu gehört es, Probleme aktiv für sich selbst zu lösen, anstatt auf Lösungsansätze "von oben" zu warten.

Die Angst vor einer ungesicherten Zukunft wächst durchaus. 43% meinen, dass "der Sozialstaat kippt". Einer deutlichen Mehrheit (56%) ist klar, dass es künftig viel schwieriger wird, abgesichert und in Wohlstand zu leben. Die Arbeitslosigkeit macht 83% Sorgen, gefolgt von den Problemen Gesundheitsvorsorge, Kriminalität und Terrorismus. Doch die deutsche Bevölkerung entwickelt sich zu "aktiven Realisten", sie wollen aus eigener Kraft das Erreichte halten. Opaschowski weist darauf hin, dass wie nie zuvor in den vergangenen 20 Jahren, eine Generation heranwachse, die sich zunehmend durch Leistung definiert. Die Fixierung auf den Begriff der Leistung als Lebensmaxime stieg von 34% im Jahr 1986 auf 42% im Jahr 2003, für 2010 und 2020 erwarten die Wissenschaftler Werte von 45% bzw. 50%.

Der Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung Wolf Michael Catenhusen kommentierte diesen Mentalitätswechsel. Es sei überaus positiv, wenn die Menschen nicht in Zukunftsangst verharrten, sondern bereit seien, die Ärmel hochzukrempeln. "Vor allem die Jugend ist der Hoffnungsträger des 21. Jahrhunderts." Sie sehen, wenn sie auch den Politikern nicht trauen, so trauen diese doch ihnen.

Lassen sie mich von ihrer Einschätzung der Zukunft noch ein wenig näher auf die an sie gestellten Anforderungen zur Bewältigung dieser Zukunft eingehen. Während viele Jugendliche vor ihnen noch von der Gesellschaft als Freizeitgesellschaft träumten, ist es ihnen bewusst, dass es diese nicht geben wird. Der bereits in anderem Zusammenhang zitierte Soziologieprofessor Opaschowski schreibt in Forschung aktuell vom 24. August 2004: „Von Zeitwohlstand haben die Menschen früher geträumt; mit Zeitnot wachsen sie jetzt auf.“ Was bisher nur für die Berufsarbeit galt, wird nun auch von der privaten Lebenszeit gefordert: Produktivität und Nützlichkeit. Und das heißt konkret: Familienfürsorge, Lebensstandardsicherung und Gesundheitserhaltung. Denn die Arbeitsbelastung der Deutschen nimmt zu, das Geld wird knapp und Zeitnot kehrt in die privaten Haushalte ein. Jeder dritte Bundesbürger (34%) hat keine drei Stunden Freizeit zur Verfügung. Und für die Hälfte (50%) der Berufstätigen (Frauen: 55% - Männer: 46%) fängt der Feierabend frühestens gegen 19.00 Uhr an und ist keine drei Stunden später wieder zu Ende. Das ist für unsere Wirtschaft kontraproduktiv: Mehr arbeiten, d.h. mehr Autos, mehr Handys und mehr TV-Geräte produzieren, setzt doch voraus, dass die Beschäftigten auch Zeit, Geld und Lust haben, das alles zu kaufen. Konsumlust kann sich unter Zeitdruck kaum entwickeln. nach oben

Bereits 1956 sagte der amerikanische Nationalökonom George Soule voraus, dass die Zeit als Wirtschaftsfaktor immer wichtiger werden werde und die Bedeutung eines „knappen Rohstoffes“ bekomme. Inzwischen ist es soweit: Zeit ist zum knappsten und wertvollsten Gut geworden. Viele können es sich zeitlich nicht mehr leisten, ihr Leben in Ruhe zu genießen. Denn: Konsumwohlstand und Zeitwohlstand zugleich sind für die meisten nicht zu haben, und so stellt sich bald eine seltsame Dichotomie ein: Wer viel konsumieren will, leidet schnell unter Zeitnot. Wer viel Zeit haben will, hat meist auch wenig Geld.

Wahrscheinlich werden sie bald ein neues Verhältnis zur Zeit bekommen. Ihr Zeitbudget wird genauso kostbar wie das Geldbudget, wenn es dies nicht schon ist. Zeit ist plötzlich Leben und nicht mehr nur Geld. Wir entwickeln uns zu einer 24-Stunden- bzw. 7-Tage-Gesellschaft mit versetzten Arbeits- und Freizeiten: „Die Schulzeiten der Kinder kollidieren mit den Arbeitszeiten der Eltern und den Betreuungszeiten in Krippen und Horten. Pakete werden geliefert, wenn niemand zu Hause ist. Und Behördengänge und Arztbesuche müssen während der Betriebs- und Arbeitszeiten erledigt werden,“ schreibt der Schweizer Sozialpsychologe Michel Baeriswyl 2000 in seinem Buch "Chillout. Wege in eine neue Zeitkultur". Schon 1994 hatte der Soziologe und Nationalökonom Peter Gross, ebenfalls ein Schweizer, vorausgesagt, dass die Zeitblöcke von Arbeit und Freizeit kollidieren und sich durchsetzen werden. Und mit der zunehmenden Doppelerwerbstätigkeit von Mann und Frau steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass bei einem berufstätigen Paar zumindest einer der Partner am Wochenende tätig ist, auf „fast 90 Prozent“, sagte der Soziologe Laszlo Vaskovics 1994 voraus. So können wir noch einmal mit der Band Geier Sturzflug singen:
Wenn sich Opa am Sonntag auf sein Fahrrad schwingt,
und heimlich in die Fabrik eindringt,
dann hat Oma Angst, daß er zusammenbricht,
denn Opa macht heute wieder Sonderschicht.

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Nur wird der Opa, womit wir beim Thema Lebensarbeitszeitverlängerung wären, dies nicht freiwillig tun, sondern weil ihm andernfalls die Entlassung droht. Kerstin Jürgens hat in ihrem Essay "Die Janusköpfigkeit der Arbeitszeitflexibilisierung – Plädoyer für eine nachhaltige Arbeitskraftpolitik" die Problematik der Durchdringung von Arbeitszeit und Freizeit eindrucksvoll beschrieben. Die Unternehmer werden zunehmende Arbeitszeitflexibilisierung fordern. KAPOVAZ nennt man das heute: kapazitätsorientierte, variable Arbeitszeiten. Die Folgen werden eine weitreichende Entgrenzung der Lebensbereiche und eine Zunahme individueller Koordinations- und Steuerungsleistungen sein. Das Problem der Nichtvereinbarkeit von Anforderungen der Erwerbssphäre mit Interessen und Aufgaben derer aus dem außerbetrieblichen Leben wird wachsen. Sie werden lernen müssen, zwei scheinbar getrennte gesellschaftliche Teilbereiche unter der Anforderungsstruktur der Dominanz der Erwerbstätigkeit zu verzahnen. Für Sie bedeutet dies auch, dass nicht mehr die Wochenarbeitszeit, sondern die Jahresarbeitszeit, im Extrem gar die Lebensarbeitszeit die entscheidende Größe wird. Sie werden die Urlaubszeiten den Rhythmen der Produktion anpassen müssen, die sich natürlich nicht an den Ferien ihrer Kinder orientiert. Gerade in höher gestellten Positionen war ja die 35-Stunden-Woche immer eine Utopie, und durch Telecomputing werden sie nicht nur Heim und Büro nicht mehr voneinander trennen können, sondern sie werden ihre Schaffenskraft immer dann einbringen müssen, wann sie gewünscht wird, und da wird man sie nicht danach fragen, ob sie gerade geplant hatten, die Großmutter zu besuchen oder das Kind in den Kindergarten zu bringen. Desynchronisation der Zeit nennt man das in der Fachsprache. So werden sie manchen Spagat zu vollbringen haben.
Neben zeitlicher und räumlicher Mobilität werden sie eine hohe soziale Kompetenz aufbringen müssen, die es ihnen ermöglicht, die zeitrhythmischen Hindernisse bei der Kinderbetreuung, der Pflege ihrer bettlägerigen Eltern oder ihres erkrankten Lebenspartners zu überwinden. Dass sie sich alle Kinder wünschen, hat die Shell-Studie gezeigt, ob sie dies angesichts der zu erwartenden Schwierigkeiten noch in die Tat umsetzen, bleibt abzuwarten, es sei denn, pädagogische Institutionen erleichtern ihnen diese Flexibilisierung. Der Kindergarten wird seine Öffnungszeiten und sein Betreuungsangebot ausdehnen müssen, wie auch die Geschäfte und Banken sich auf noch weiter ausgedehnte Öffnungszeiten werden einstellen müssen. Die Ganztagsschule ist auch vor diesem Hintergrund zu bewerten.
Aber trotz aller zur erwartenden Schwierigkeiten und Umstellungsproblemen, kann die Flexibilisierung der Arbeitszeit für junge Mütter die Partizipation am Arbeitsprozess gestatten, wobei gerade diese "Managerinnen des Alltags" im Umkehrschluss einen Mangel an Zeitautonomie beklagen werden . Das heißt, dass gerade auf die hier sitzenden Abiturientinnen, so sie sich beruflich entwickeln wollen, vielleicht eine Last zukommt, die sie noch nicht abschätzen können. Opaschowski hat darauf hingewiesen, dass die so genannte Feminisierung der Arbeitswelt kommen wird, und das heißt, dass gerade sie als Frauen sich auch in der Arbeitswelt emanzipieren werden.
In George Orwells 1984 war es ein primitiver Patriotismus der Menschen, an den man appellieren konnte, um sie eine Erhöhung der Arbeitszeit akzeptieren zu lassen. Heute droht man mit Verlagerung der Produktions- und Forschungsabteilungen ins Ausland. Bereits im Jahre 2000 hat VW sein Modell "5000 x 5000" vorgestellt: 5000 Erwerbslose für 5000 DM brutto bei einer flexiblen Wochenarbeitszeit von 35 bis 48 Stunden einzustellen. Die Drohung, die Produktion ins Ausland zu verlagern, hat die Gewerkschaften schnell weich geklopft. Wenn z.B. wie bei Hewlett-Packard geschehen, das Unternehmen sie bittet, angesichts zu erwartender Gewinneinbrüche auf einen Teil ihres Gehalts zu verzichten, dann wird für sie auch ein vorausschauendes Wirtschaften im monetären Bereich notwendig sein.

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Die traditionelle Landwirtschaft war an den Arbeitsrhythmus Hell-Dunkel gekoppelt, aber jeder moderne Agrarwirt wird ihnen sagen können, dass dies längst der Vergangenheit angehört: nachts brummen die Combine Harvesters, die Mastschweine bekommen ihr Futter nach einem ganz bestimmten Rhythmus. Die Zerfaserung der Arbeitszeit der Individuen schwächt das Kollektiv – Schwierigkeiten mit der Arbeitszeit werden die meisten Betroffenen als individuelles Dilemma interpretieren und sich um isolierte Lösungsansätze bemühen. So wird der Arbeitnehmer zu einem, wie es die Professoren G.Günther Voß und Hans J. Pongratz genannt haben, "Arbeitskraftunternehmer". Dies wird auch für ihre zukünftigen Fortbildungen von Bedeutung sein, werden diese nun nicht mehr allein der weiteren Berufsqualifikation dienen, sondern ihrer Flexibilisierung. Viele von ihnen werden mit Aufnahme ihres Berufes in eine Stadium des "Selbstmanagements" geraten - was ihnen durch permanente und komplexe "Selbstökonomisierung" hohe Belastungen und anhaltende Fremdbestimmung beschert, aber auch die Freiräume eigenwilliger, ihrer persönlichen Biodynamik entsprechender Gestaltung und einen Zuwachs an Autonomie bietet. Können sie dies mit einer erhöhten Eigenverantwortung im Beruf paaren, so wird auch ihre berufliche Motivation steigen. Die Schule mit ihren festgelegten Zeitrahmen hat sie nur scheinbar auf dieses Zeitmanagement nicht vorbereitet, denn sie konnten dies an den Nachmittagen, die ja keine Freizeit sondern unterrichtsfreie Zeit waren, üben. Da waren sie Arbeitszeitmanager, und wie wir hier sehen, waren sie dabei sehr erfolgreich.
Der hier mehrfach zitierte Prof. Opaschowski hat uns in seiner Studie "Deutschland 2020" darauf hingewiesen, was unsere zukünftige Gesellschaft an Anforderungen an uns bereithält. Es wird die Wende zum Weniger kommen, der Abschied vom Immer-Mehr. Ein sinkender Lebensstandard ist uns vorausgesagt, dabei ist ein interessanter Ansatz zu beobachten: Die "Luxese" als Lebenskunst. Mal werden die Menschen im Luxus schwelgen, dann sich wieder in Askese üben. Die Lehrerin Christine Lüders hat diesen Zukunftstrend in ihrem im März dieses Jahres erschienenen Buch "Im Armani zum Aldi" auf die pragmatische Dimension reduziert.
Von der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich werden sie eher profitieren, denn aller Voraussicht nach werden sie zu den Besserverdienenden gehören, doch mit den sich daraus ergebenden sozialen Problemen werden alle konfrontiert werden. Auch werden sich zumindest einige von ihnen auf mehrmalige Berufswechsel einrichten müssen, denn die Unterbeschäftigung wird die Regel sein, und da werden sie eine weitere Art der Flexibilität beweisen müssen.

Auf der Suche nach den Eckdaten für Ihre Zukunft, stieß ich auf ein erstaunliches Phänomen: es gibt wahrhaftig eine regelmäßig publizierte Top Ten der Zukunftsliteratur der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen. Für 2004 fand ich dort ein Buch von Paul Erbrich: "Grenzen des Wachstums im Widerstreit der Meinungen", und in diesem wird dem Leser klar gemacht, wo unsere Chancen liegen, wenn wir die Probleme meistern wollen. Für das Jahr 2025 ist prognostiziert, dass uns pro Kopf und Jahr nur noch 420 Liter Erdöl zur Verfügung stehen, davon 1/3 für PKW. Diese Zahl mag debattierbar sein, und selbst wenn es das Doppelte wäre, würden unsere Lebensgewohnheiten ein Auskommen nicht mehr erlauben. Dieser prognostizierte Mangel wird als kulturelle Chance begriffen, statt Leistungsentfaltung "bis zur Grenze des überhaupt Möglichen" wird es eine "Kultur des Sabbats, der Ruhe" geben. Die beispiellosen technischen Innovationen, welche notwendig sind, um den Mangel an fossilen Brennstoffen aufzufangen, werden sie leisten müssen. Beispiele für die an sie zu stellenden Aufgaben könnte man im Dutzend nennen. Das Worldwatch Institute in Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll-Stiftung und German Watch hat errechnet, dass wir für 1 Tonne Papier fast 3 Tonnen Holz Holz benötigen. Bei steigendem Papierverbrauch können wir uns ausrechnen, wann wir ohne Wald dastehen. Und wenn die Baumwollindustrie jährlich weiter für 2,6 Milliarden Dollar Pestizide ausbringt, um die notwendige Baumwolle für T-Shirts auf den Markt zu bringen, werden uns die Insekten fehlen, die für die Befruchtung sorgen. In der Bewältigung all dieser Probleme wird ihre Chance liegen, sich zu profilieren, eine Bestimmung im Leben zu finden. Ihre Aufgaben werden grenzenlos sein, sie werden wieder in absolutes Neuland vorstoßen müssen: sie, ihr Können, ihre Innovationskraft werden gebraucht. Dass sie diese Probleme bewältigen werden, daran zweifele ich nicht, und nicht allein deshalb, weil eine positive Einschätzung den Autoren all dieser Zukunftsszenarien gemeinsam ist. Diejenigen von ihnen, die mir bekannt sind, haben das Potenzial zur Innovation, weil sie klug, ausdauernd und kreativ sind. Die vor mir sitzenden Schülerinnen und Schüler - nun, sagen wir besser: ehemaligen Schülerinnen und Schüler - bringen ein Notenbild ins Reifezeugnis ein, welches wohl noch seinesgleichen sucht: 25% mit einer Eins vor dem Komma spricht für das, was ich gerade angedeutet habe.
Im Moment gilt ihnen, den Abiturientinnen und Abiturienten, mein Glückwunsch für das Erreichte, verbunden mit den besten Wünschen für die Zukunft. Machen sie es gut.

Zitierte Literatur :

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Baeriswyl, Michel, Chillout. Wege in eine neue Zeitkultur, München 2000.

Erbrich, Paul Grenzen des Wachstums im Widerstreit der Meinungen, Stuttgart 2004.

Gross, Peter, Die Multioptionsgesellschaft, Frankfurt/M. 1994.

Hurrelmann, Klaus, Mathias Albert, Ulrich Schneekloth, Jugend 2002 - 14. Shell Jugendstudie , Frankfurt 2002.

Jürgens, Kerstin, "Die Janusköpfigkeit der Arbeitszeitflexibilisierung: Plädoyer für eine nachhaltige Arbeitskraftpolitik", in: Hannoversche Schriften 5 ( Transformation der Arbeit), Hannover 2002.

Lüders, Christine, Im Armani zum Aldi, Frankfurt/M. 2005.

Ludwig, Isolde, Vanessa Slevogt, Ute Klammer und Ute Gerhard, Managerinnen des Alltags – Strategien erwerbstätiger Mütter, Berlin 2002.

Opaschowski, Horst W, Deutschland 2020 – Wie wir morgen leben, Wiesbaden 2004.

Opaschowski, Horst W., "Beständigkeit: Der neue Jugend-Trend", in: "Forschung aktuell", Ausgabe 174, 24. Jahrgang, 19. August 2003.

Opaschowski, Horst W., "'Zeitwohlstand': Der neue Luxus", in: "Forschung aktuell", Ausgabe 182, 25. Jahrgang, 24. August 2004.

Orwell, George, 1984, London 1949.

Schwab, Hans-Rüdiger (Hrsg.), Philipp Melanchthon – Der Lehrer Deutschlands, München 1997.

Soule, George, Mehr Zeit zum Leben, Frankfurt/M. 1956.

Vaskovics, Laszlo, in Peter Gross, Die Multioptionsgesellschaft, Frankfurt/M. 1994.

Voß, G.Günther, Hans J. Pongratz, "Der Arbeitskraftunternehmer. Eine neue Grundform der Ware Arbeitskraft?", in: Kölner Zeitschrift für Soziologie Jahrgang 50, Heft 1, 1998.

Worldwatch Institute [Hrsg.], Zur Lage der Welt 2005, Münster 2005.

   
         
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