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Die Vertreibung aus Oberschlesien nach 1945 und die Integration im jeverländischen Raum

Berichte zweier Zeitzeugen und deren Bezug zum BdV

Inhaltsverzeichnis:

  1. 1946: Von der Vertreibung bis zur Frage einer Vereinsgründung im Raum Friesland

  2. Die Integration der Heimatvertriebenen und die Gründung des BdV im Jeverland

  3. Persönliche Erfahrungen der Befragten bezüglich Vertreibung und Vereinsarbeit

 

    Anhang

      Sonderbefehl

      Karte

      Quellen

 

1. 1946: Von der Vertreibung bis zur Frage einer Vereinsgründung im Raum Friesland

Nach dem Ende des 2. Weltkrieges wurde die Bevölkerung aus Zentralpolen von den Russen vertrieben. Diese Vertriebenen sollten ihre neue Heimat unter anderem in Oberschlesien finden.

Die daraus resultierende Konsequenz war die Vertreibung der Bewohner Oberschlesiens. Diese Vertreibung wurde in allen Orten gleich organisiert. Am Abend vor dem geplanten Abtransport wurde der Befehl ausgerufen, daß sich alle Bewohner des Ortes am nächsten Morgen an der Straße einzufinden haben. Als Gepäck waren nicht mehr als 20 kg pro Person erlaubt. (siehe Sonderbefehl)

Nachdem sich alle Bewohner des Dorfes eingefunden hatten, begann der Marsch in die nächst größere Stadt, von wo aus der Weitertransport organisiert wurde.

Dieser Weitertransport sah einen Bahntransport mit Viehwaggons vor. Den Vertriebenen standen keine hygienischen Mittel zur Verfügung und auch der Zielort war unbekannt. Wenn der Transport in die friesländische Region fuhr, stoppte der Zug nur an einem Ort. Dort mußten sich die Vertriebenen melden und wurden außerdem entlaust.

Nach der Weiterfahrt wurde bis zum Zielort nicht mehr gehalten. Kam der Zug schließlich im Zielort an, wurden die Vertriebenen auf direktem Wege zum Wohnungsamt geschickt. Dort wurden die Familien, sofern sie noch zusammen waren und nicht während des Transportes getrennt worden waren, geschlossen an Höfe und Häuser verwiesen. Diese waren für ihre Unterbringung verantwortlich und verpflichtet.

In der ersten Zeit nach der Ankunft wurde nicht mit dem Gedanken an eine Vereinsgründung oder ähnlichem unter den Vertriebenen gespielt. Verantwortlich dafür waren vor allen Dingen zwei Gründe. Zum einen war es für die Vertriebenen absolut vordergründig, zunächst das Überleben zu sichern und sich eine Existenz aufzubauen. Zum anderen war nach dem 2. Weltkrieg in den Besatzungszonen das sogenannte Koalitionsverbot erlassen worden, welches die Gründung von Vereinen verbot. Somit stand eine Vereinsgründung in der ersten Zeit nach der Vertreibung nicht zur Debatte.


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2. Die Integration der Heimatvertriebenen und die Gründung des BdV im Jeverland

Die Eingliederung der aus den ehemals ostdeutschen Gebieten Vertriebenen erwies sich in den ersten Jahren als äußerst schwierig. Nach Ankunft in den zugewiesenen Landkreisen und der Verteilung auf die unterschiedlichen Unterkünfte (Häuser, Höfe, Baracken u.ä.) zeigte es sich, daß die neuen Mitbürger nicht immer mit offenen Armen empfangen wurden. Die Lebensmittelknappheit und Wohnungsnot in Deutschland nach 1945 führte dazu, daß den 3000 Vertriebenen in Friesland viel Mißgunst entgegengebracht wurde. Die große Anzahl an Vertriebenen wirkte auf den ersten Blick bedrohlich, die eingeschworene Dorfgemeinschaft war gestört und so gab es teilweise auch Versuche, die Vertriebenen direkt nach Ankunft aus angeblichem Platzmangel wieder zum Wohnungsamt zurückzuschicken. Auch in der Schule zeigte sich dieses Phänomen, wenn junge Vertriebene auf die Schulklassen verteilt wurden. Fast immer empfand man Abneigung gegenüber den Neuankömmlingen, da man sein eigenes – durch den Krieg hervorgerufenes - Leid vorrangig sah.

Für die Vertriebenen galt es jedoch zunächst, ihr Überleben zu sichern und daher hatten sie kaum Gelegenheit, auf irgendeine Art und Weise auf dieses Problem zu reagieren. Hinzu kam das noch bis Ende 1948 geltende Koalitionsverbot (s. Kapitel 1), das dafür sorgte, daß ein Gruppengefühl zwischen den Vertriebenen zwar ansatzweise vorhanden war, ihre Interessen jedoch nicht in Form eines Vereines organisiert werden konnten. Zudem waren häufig große Entfernungen zurückzulegen , um von einer Unterkunft zur nächsten zu gelangen, was ohne Fahrrad oder ein anderes Fortbewegungsmittel ebenfalls ein Hindernis darstellte.

Erst nach der Währungsreform 1948, mit der sich die materielle Situation der Vertriebenen wie auch die der allgemeinen Bevölkerung stark verbessern konnte, sowie der Aufhebung des Koalitionsverbots, nutzten viele der Vertriebenen die Gelegenheit, um sich in gemütlicher Runde zu treffen, sich auszutauschen und Traditionen aus der Heimat aufrechtzuerhalten. Dies betraf in erster Linie die älteren Menschen, denen die Entwurzelung im allgemeinen wohl schwerer gefallen war als den jungen Leuten. Darüber hinaus mußten vor allem die jüngeren, noch voll arbeitsfähigen Vertriebenen erst einmal Arbeit finden. Schritt für Schritt erkämpfte man sich einen Fortschritt der Organisation, um immer größere Einheiten zu bilden, so daß auf erster Ebene die Landsmannschaften – nach den Herkunftsgebieten der Vertriebenen (Schlesien, Pommern, ...) - entstanden. Die Heimatvertriebenen fanden hier die Möglichkeit, ein Stück ihrer Vergangenheit aufleben zu lassen und fühlten sich geborgen.

Heute finden Heimatabende in diesem Stil auch noch statt, obwohl natürlich die Mitgliederzahl generationsbedingt stetig abnimmt. Aus diesem Grund kann man den BdV heute als einen sterbenden Verein ansehen, der seine Blütezeit vor rund fünfzig Jahren hatte.


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3. Persönliche Erfahrungen der Befragten bezüglich Vertreibung und Vereinsarbeit

Beginnend mit den Erlebnissen während der Vertreibung läßt sich sagen, daß das Erlebte überall ähnlich gewesen zu sein scheint. Abends kamen die Polen mit dem Räumungsbefehl (vgl. „Sonderbefehl“ auf der Titelseite), am nächsten Morgen mußte man an der Straße stehen. Dann wurde man in Viehwaggons verfrachtet, immer im Ungewissen, wohin - Sibirien oder Deutschland - die Reise geht. Erleichtert in Deutschland angekommen, begann die Prozedur des Entlausens während eines Zwischenstopps. Endlich am Bestimmungsort angelangt, folgte der Gang zum Wohnungsamt, von wo man zu mürrischen Familien verwiesen wurde, die einen gar nicht haben wollten und dementsprechend schlecht auf die Vertriebenen zu sprechen waren. Jetzt konnte man sich um das Notwendigste kümmern - nicht einfach in einem Land, in dem die Einheimischen aufgrund des Krieges kaum selbst genug zum Leben hatten.

So negativ die Erfahrungen der Vertreibung auch sind: unser erster Gesprächspartner stellte dennoch die positiven Seiten der trotz allem freundlichen polnischen Mitbürger heraus. Er erzählte, daß ein polnischer Soldat ihm seinen Rucksack, der voller Kleidung war, entleerte und mit Lebensmitteln vollstopfte, welche noch bis nach der Ankunft in Jever reichten. Dergestalt bildeten sie eine kleine Grundlage, bewahrten ihn vor der völligen Mittellosigkeit. Darüber hinaus suchte der erste Interviewpartner die Schuld an der Vertreibung vor allem bei der russischen Besatzungsmacht, welche wahllos auch in Kaschbach (s. Anhang: Landkarte) plünderte und ganze Familien ermordete.

Unser zweiter Interviewpartner sah die Schuld zum großen Teil bei der polnischen Bevölkerung. Diese wurde zwar auch von den Russen verjagt, jedoch hätte nur ein Bruchteil der Deutschen vertrieben werden müssen, die tatsächlich ihrer Heimat beraubt wurden, da es deutlich weniger polnische Bürger gab als deutsche, die der Vertreibung zum Opfer fielen.

Die Entscheidung, sich zu einer Vereinigung zusammenschließen zu wollen, stand von Anfang an bei vielen der Vertriebenen, die sich nach Vertreibung und Niederlassung im fremden Land nach Geborgenheit sehnten und die es deshalb zu ihren Landsleuten hinzog. Zum anderen wollte man seine Rechte durchgesetzt wissen. Die Ausführung dieses gemeinsamen Gedankens wurde jedoch von zweierlei Hindernissen überschattet: dem Koalitionsverbot der Alliierten und den Maßnahmen, die zur Existenzgründung in der neuen Heimat getroffen werden mußten, welche absolute Priorität hatten. Deshalb hatte man zunächst überhaupt keine Zeit und auch keine Gelegenheit, sich zu treffen und eine Vereinigung zu gründen.

Aus unseren beiden Gesprächen ergaben sich - so ähnlich die Fährnisse der Befragten sind - für uns durchaus große Differenzen bezüglich der Einstellungen und Meinungen über dieses Kapitel ihrer Lebensgeschichte. So stehen sich Dankbarkeit und Wut auf die polnische Bevölkerung ebenso gegenüber wie die verschiedenen heutigen Beziehungen zu den Bewohnern der Heimatdörfer. Das schlägt sich zum Beispiel in der Weise nieder, daß unser erster Gesprächspartner regelmäßig sein Heimatdorf Kaschbach (s. Anhang: Landkarte) besucht, um die Leute dort mit Kleidung zu unterstützen, da diese durch eine Unwetterkatastrophe vor wenigen Jahren immer noch gebeutelt sind. Die polnischen Bürger unterhalten eine nahezu freundschaftliche Beziehung zu ihm. Darüber hinaus unterstützt unser erster Interviewpartner einen Polen, der sich mit einem Hotel selbständig machen möchte und stellt beinahe so eine Art Vaterfigur für diesen dar.

Auf der anderen Seite steht der immer noch flackernde Groll des anderen Interviewpartners auf die polnische Bevölkerung, die ihn vertrieben hat, und die immer noch währende Hoffnung, in die Heimat zurückkehren zu können.

Auch die Einstellung gegenüber dem BdV ist unterschiedlich. Während sich unser erster Befragter aus Vereinsaktivitäten heraus hält und lieber selbst regelmäßig „sein“ Dorf besucht, um die Erinnerung wachzuhalten, ist unser zweiter Interviewpartner seit über zwei Jahrzehnten Vorsitzender des Kreisverbandes der schlesischen Landsmannschaft. Beide jedoch sehen keine Zukunft für den Verein, da dieser - verständlicherweise - keine neuen Mitglieder hinzu gewinnt und damit ausstirbt.


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Anhang

 

Sonderbefehl


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Karte


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Quellen:

  1. Gespräch mit Herrn Helmut Hoppe, Moorwarfen, am 2. März 2000

  2. Gespräch mit dem BdV-Vorsitzenden Herrn Fritz Böhm, Heidmühle, am 10. März 2000

  3. Bauernverband der Vertriebenen e. V.: „Die Vertreibung der ostdeutschen Bauern und ihre Eingliederung“, Bonn 1995

  4. Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte: „20 Jahre Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte 1949 – 1969, S. 24 – 26, Heidelberg o. J.

  5. Wambeck, Manfred M.: „Verbändestaat und parteienoligopolitische Macht und Ohnmacht der Vertriebenenverbände“, S. 41, Stuttgart 1971

  6. Verlag Manfred Ludwig: „Wanderkarte – von Breslau – Reichenbach/Eulengebirge – Schweidnitz – Waldenburg – in die schlesischen Berge, zum Zobten und zur Schneekoppe“, Warendorf/Westfalen o.J.


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